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06.09.2011 16:23 Alter: 3 Monat(e)
Kategorien: Heilquelle

Das Tattoo-Kunsthandwerk – eine Technik, die unter die Haut geht


Tattoo-Maschine

Tattoo-Maschine © Christin Lilge

Tätowierer Sven Böhmer

Tätowierer Sven Böhmer © Christin Lilge

Körperkunstwerke wie Tattoos (das Wort „Tattoo“ ist wahrscheinlich tahitianischer oder polynesischer Abstammung; „tatu“ bedeutet so viel wie „Zeichen“ oder „zeichnen“) sind im europäischen Gesellschaftsbild nichts Ungewöhnliches. Aber der Gang ins Tattoo-Studio bedeutet immer etwas Außergewöhnliches, der als Ergebnis eine Entscheidung fürs Leben hat. Mut ist dabei sicher das Wort, das viele mit einer solchen Entscheidung verbinden. Auch für den Tätowierer, der sich in seiner Ausbildung mit der aufwändigen mechanischen und künstlerischen Technik vertraut machen muss, sieht sich täglich der Herausforderung gegenüber, mit seinem anspruchsvollen Handwerk die Haut des Kunden optimal dauerhaft zu gestalten.

Die Tätowiermaschine brummt auf, dann setzt der Tätowierer den ersten schwarzen Strich für die Außenlinien („Outlines“) in die Fibroblastenzellen der mittleren Hautschicht (Dermis), denn dort hält die Farbe in den sogenannten Papillarkörpern am besten. Der Kunde, dessen Hautstelle vorher desinfiziert und rasiert wurde, zuckt kurz zusammen. Er hat sich bewusst für ein Motiv entschieden und zusammen mit dem Tätowierer besprochen, an welcher Körperstelle das Bild auf ewig mit ihm verbunden sein soll.

Für das menschliche Auge kaum sichtbar stechen die Nadeln die hautverträgliche und lizensierte Tattoo-Tinte unter die Haut. Die gängige Variante hierbei ist das Eintauchen der Nadel in die Farblösung vor dem Einstich in die gespannte Haut. Mittlerweile gibt es zahlreiche Varianten der zwei Maschinenmodelle, die immer mit den Einstellungen „Liner“ (englisch für „Linie“) und „Shader“ (englisch für „Schattierung“) funktionieren. Die mit einem Elektromotor angetriebene sogenannte Rotary(Rotations)-Maschine wurde 1970 bis 1978 von den Tätowierern Horst Heinrich Streckenbach und Manfred Kohrs entwickelt und gebaut. Die Rotarymaschine wird meist im kosmetischen Bereich für „Permanent Makeup“, von Tätowierern für sehr feine Linien oder Schattierungen verwendet. Die mit Elektromotor gesteuerte Tattoomaschine hat im Gegensatz zur Spulenmaschine eine größere Laufruhe und ist mit über 15.000 Hüben pro Minute auch schneller. Dennoch ist die gebräuchlichste Maschine die von Samuel O‘Reilly 1891 patentierte Zweispulen-Maschine, die durch elektromagnetische Felder angetrieben wird. Mit Hilfe dieser zwei Spulen wird elektrisch ein Magnetfeld erzeugt, das die Anzahl der feinen, grundsätzlich zuvor steril verpackten auf die Nadelstange gesetzten Einmal-Nadeln in bis zu 10.000 Hüben pro Minute (die genaue Anzahl ist von der Tattoo-Maschine abhängig) schnell vor- und rückwärts in die Haut setzt und entsprechend eine saubere Farbfüllung, Verlaufseffekte und Schattierungen erlaubt. Dabei zieht der Elektromagnet eine Metallfeder an, die am Maschinenrahmen befestigt ist. Auf der anderen Seite der Feder befindet sich die so genannte „Flatt“ (Nadelstange). Der Stromkreis wird deaktiviert, indem die Feder die Nadelstange nach unten zieht und beide in ihre Ausgangsposition zurückspringen. Dieser Prozess wiederholt sich während der Tätowierungssitzung immer wieder.

Durch die Kapillarwirkung wird die Tinte zwischen den Nadeln gehalten. Je nach Maschinenkonstruktion fließt die Farbe von einem an der Maschine befestigten Behälter durch eine Hohlnadel an den Nadeln entlang oder die Nadeln, die es in unterschiedlichen Größen und Stärken gibt, werden mehrfach in Einmal-Farbtöpfchen getaucht. Während der Erstellung des permanenten Bildes arbeitet der Tätowierer immer mit Einweg-Handschuhen und zweihändig – mit der einen bringt er das Bild in die Dermis ein, während er mit der anderen die zu bearbeitende Haut unter Spannung hält. Generell beginnt der Tätowierer jedoch mit den Konturen in schwarzer Farbe und zeichnet gegebenenfalls die Schattierungen ein, bevor das Bild – falls gewünscht – mit Farbe ausgefüllt wird.

Aber auch bei der Art zu Tätowieren gibt es Unterschiede. So werden beim „Stechen“ die Nadeln in derselben Winkelstellung wie beim Einstechen in die Haut zurückgezogen, während beim „Springen“ der Winkel nach dem Einstich geändert wird, jedoch nicht ohne die größere Gefahr, dabei Gewebe zu verletzten. Gerade weil das Tätowieren rational betrachtet eine Verletzung der Haut ist, wird in professionellen Studios auf den exakten Einstichwinkel und die -tiefe geachtet. Auch am Ende der Sitzung wird in der Regel großer Wert auf die Desinfektion sowie einen sterilen Verband gelegt, der für eine gewisse Zeit auf der gezeichneten Haut bleiben muss. Im besten Fall verlässt der frisch tätowierte Kunde das Tattoo-Studio mit einer ausführlichen Pflegeanleitung und dem Angebot des Tätowierers, ihm bei der Nachversorgung der Wunde und der Erhaltung des gestochen scharfen Tattoos beratend zur Seite zu stehen.

So ist es auch bei Tätowierer Sven Böhmer, der mit reinMein über seine Tattoo-Technik, sein Tattoo-Studio in Wiesbaden-Bierstadt sowie seinen abwechslungsreichen Arbeitsalltag sprach:

reinMein (rM): Seit wann gibt es bereits Ihr Tattoo- und Piercingstudio?
Sven Böhmer (SB): Seit Mai dieses Jahres gibt es „Bojo – Tattoo & Piercing“  zehn Jahre. In den aktuellen Räumlichkeiten sind wir jedoch erst seit 2003.

rM: Wie müssen sich die Leserinnen und Leser schwerpunktmäßig Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
SB: “Cover up’s“ [Überdeckungs- und Korrekturarbeiten, Anm. d. Red.] machen 60 Prozent meiner Arbeit aus. Dafür haben wir uns auch einen Laser angeschafft, der uns in der „Cover up“-Arbeit unterstützt. –Natürlich streng nach den Regeln des sogenannten „Laserschutzes“.  Ansonsten liegt mein Tattoo-Schwerpunkt auf Tatoos im sogenannten „black and grey“-Stil, die in Schwarz mit grauen - das Bild plastisch wirken lassenden - Schattierungen tätowiert werden.

rM: Wie Sie das so beschreiben, erfordert das Tätowieren vor allem ein „geschicktes Händchen“. Was ist eigentlich Voraussetzung für die Ausbildung zum Tätowierer und wie umfangreich müssen sich die LeserInnen diese vorstellen?
SB: Für die Ausbildung muss der Bewerber mindestens 18 Jahre alt sein. Ein Auszubildender ist circa zwei bis drei Jahre in der Lehre, derzeit arbeitet bei uns ein Azubi mit. Die Lehre wird am besten im Tattoo-Studio selbst absolviert. An Fähigkeiten sollte der Bewerber oder die Bewerberin vor allem das Talent beim Zeichnen sowie ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen mitbringen. Eine grafische Ausbildung ist dabei sicher von Vorteil. Mut gehört jedoch auch dazu, wer Tätowierer/in werden möchte, denn wenn das Bild einmal auf die Dermis tätowiert ist, bleibt es auch dort. Allerdings übt der Azubi im „Bojo“-Studio nicht auf Schweinehaut, sondern auf einer synthetischen Kautschuk-Haut, die eine ähnliche Beschaffenheit aufweist wie die Menschenhaut. Generell sollte das Ziel des Azubis und selbstverständlich des Tätowierers am Ende ein im wahrsten Sinne des Wortes gestochen scharfes Bild unter höchst hygienischen Bedingungen sein. Grundsätzlich lernt auch ein ausgebildeter und langjährig praktizierender Tätowierer wie ich nie aus und immer dazu.

rM: Sie haben eben die Hygiene als wichtigen Punkt erwähnt. Was ist beim Tätowieren noch wichtig?
SB: An oberster Stelle steht bei mir grundsätzlich die Hygiene, das sollte aber generell allen Tätowierern wichtig sein! Es bringt nichts, wenn der Kunde zwar ein schönes permanentes Bild auf seinem Körper hat, sich aber dabei Viruserkrankungen wie Hepatitis und HIV eingehandelt hat. Mein „Bojo“-Studio ist vom Gesundheitsamt zertifiziert, da bin ich sehr stolz drauf. Ebenfalls immer wichtig ist die präzise, jedoch individuell mit dem Kunden abgestimmte Umsetzung des Kundenwunsches, denn danach herrscht eine langjährige Verbundenheit mit dem Bild.

rM: Wie sind Sie zum Tätowierer-Beruf gekommen und mit welcher Technik arbeiten Sie heute in ihrem Studio?
SB: Ich bin ausgebildeter Steinbildhauer und kann vieles an Wissen, was ich mir damals angeeignet habe, als Tätowierer ebenfalls anwenden, zum Beispiel was das „Licht/Schatten“-Verhältnis angeht. Die Grundmechanismen sind die gleichen. Über meine ehemalige Lebensgefährtin kam ich dazu, selbst ausgebildeter Tätowierer zu werden. In meinem Studio arbeite ich mit der elektromagnetischen Zweispulenmaschine. Generell führe ich ein bis zwei Vorgespräche mit dem Kunden, dann wird ein Termin ausgemacht. Bei diesem wird die Zeichnung angefertigt und ein Abdruck davon auf die Haut aufgezeichnet. Dann tätowiere ich erst die Außenlinien und fülle das Bild anschließend aus. Ich verwende dabei nur lizensierte Farben ohne Schwermetalle. Das Tattoo wird desinfiziert und mit Folie abgeklebt. Die erste Zeit danach ist es wichtig, dass der Kunde gewissenhaft sein Tattoo pflegt, damit es einerseits gut erhalten bleibt und andererseits, dass es keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen gibt. Jucken und Kratzen an der Wunde sind genauso die erste Zeit Tabu wie Sonnenbestrahlung und Sport. Aber ich gebe jedem Kunden eine genaue Pflegeanleitung mit auf den Weg, damit nichts schief geht. Grundsätzlich stehen wir als Ansprechpartner zur Verfügung. Besonders Tattoo-Neulingen lege ich einen intensiven Austausch mit uns sehr ans Herz, damit keine Unsicherheiten auftauchen. Die Kunden können gerne vorbeikommen und sich persönlich von mir beraten lassen. Wir überlassen unsere Kunden nicht einfach so ihrem Schicksal, denn seinen Hausarzt sucht man nicht so aus wie seinen Tätowierer, denn dieser geht gleich unter die Haut.

rM: Woher kommen Ihre Kunden? Gibt es ein Durchschnittsalter und welches Motiv ist  am beliebtesten?
SB: Unsere Kunden, die uns gezielt entweder als Stammkunden oder auf Empfehlung in unserem Studio aufsuchen, haben ein Durchschnittsalter von circa 27 Jahren. Unser ältester Kunde ist circa 70 Jahre alt. Generell reicht unser Kundenstamm bis Mannheim und Heidelberg. Dabei gehen viele nach dem Trend der amerikanischen Prominenten, der sogenannten „Celebrities“. – Der letzte große Trend waren – meist einfache tätowierte – Sterne. Seltener sind es Menschen und Hunde. Auf Dauer wird das Sterne-Tätowieren jedoch etwas langweilig. Am liebsten ist mir, wenn der Kunde sich vorher Gedanken über das Motiv gemacht hat und mit einer individuell gestalteten Vorlage zu mir kommt. Im Gespräch wird das Tattoo optimal auf den Kunden personalisiert, damit es auch wirklich zu ihm oder ihr passt. Das endgültige Hautkunstwerk soll ein Unikat sein und am Ende mit dem Träger auf ewig verbunden eine Einzigartigkeit ergeben. – Man muss sich das wie beim Friseurbesuch vorstellen, da lässt sich eine Frisur aus dem Katalog auch nicht eins zu eins umsetzen, da die Haarstruktur beim jeweiligen Kunden eine ganz andere sein kann als bei der Person auf dem Foto. Nebenbei gesagt hat der deutsche Markt generell gute Tätowiermagazine wie das „TätowierMagazin“.

rM: In der amerikanischen Fernsehserie „L.A. Ink“ werden oftmals Menschen gezeigt, die mit persönlichen Geschichten zu den Tätowierern kommen. Empfinden Sie diese Intention in Deutschland ähnlich?
SB: Sicher gibt es Kunden, die mit einer persönlichen Geschichte zu mir kommen, das ist auch vollkommen in Ordnung, aber eher selten. Die meisten freuen sich einfach auf ihr Tattoo und empfinden das als Teil ihrer Lebenseinstellung. Tätowierungen mit einer persönlichen Geschichte im Hintergrund sind eher typisch amerikanisch, meiner Meinung nach.

rM: Was empfehlen Sie denjenigen, die sich zum ersten Mal ein Tattoo machen lassen wollen?
SB: Generell sollte der zukünftige Kunde sensibel sein, was die Hygiene und die gegenseitige Sympathie angeht. Auf jeden Fall sollte er/sie sich den Laden intensiv anschauen. Wenn alles stimmt und Kopf und Herz im Einklang sind, dann steht dem ersten Tattoo nichts mehr im Wege. Übrigens sind Beine und Arme die unempfindlichsten Stellen für ein Tattoo. Eine Kundin wollte ihr erstes Tattoo an der Fingerseite haben, das kann so schmerzhaft werden, dass  ich abgelehnt habe.

Kurzer geschichtlicher Einblick in das Tattoo-Handwerk:
Das Tattoo-Handwerk hat eine lange Geschichte, die bis in die Zeit des alten Ägyptens zurückgeht und sogar die bekannte Gletschermumie „Ötzi“ streift. Im Jahr 1870 surrte erstmals ein Tätowier-Apparat auf und zauberte das erste permanent bleibende Körperbild unter die Haut.

Das Tattoo- und Piercingstudio von Sven Böhmer: www.bo-jo.de

Interview und Text: Christin Lilge

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