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23.11.2010 00:00 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Heilquelle

Anmalen, Wegsaugen, Abschneiden


Operationssaal

© obs/Maquet

Wer ist schon zufrieden mit seinem Körper? Und Möglichkeiten, sein Aussehen zu verändern, gibt es viele. Von dauerhafter Haarentfernung bis zur Wunschamputation erfüllt die Schönheitsindustrie auch bizarre Wünsche.

Ellen  ist mit ihrem Aussehen zufrieden. Sie hat eine schlanke Figur, einen zarten Teint und einen glatten Hals. „Schönheit“, sagt sie „war mir das ganze Leben wichtig.“ Ihre erste Schönheitsoperation hat sie mit 54 machen lassen.  „Damals hatte ich 20 Kilo in elf Monaten abgenommen – und die Haut hing danach leider schlaff am Bauch herunter, es war eine richtige Fettschürze entstanden.“

Fett, schätzt die Ärztekammer, wird in Deutschland derzeit circa 29.000 mal pro Jahr abgesaugt. Je nach Aufwand und Arzt kostet das zwischen 1.000 und 10.000 Euro. Nasenkorrekturen, Brustvergrößerungen und –verkleinerungen und Fettabsaugungen sind die häufigsten Standardoperationen der Schönheitschirurgen. Junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren lassen vor allem Nase und Busen operieren, Männer Nase und Kinn, Frauen zwischen 40 und 50 die nach Schwangerschaften oder Gewichtsabnahme erschlaffte Bauchdecke straffen. Auch Ellen hat den mehrstündigen und risikoreichen Eingriff über sich ergehen lassen: der Nabel muss versetzt und mehrere Quadratzentimeter Haut weggeschnitten werden. Danach musste sie mehrere Wochen eine feste Bauchbandage tragen. Die Kosten liegen zwischen 3.500 und 8.000 Euro. Doch Ellens Arzt hat ihren Mann überzeugt – „Davon hat Ihre Frau mehr als von jedem Brillanten.“

Der Wunsch nach Schönheit ist uralt und steckt in jedem von uns. Und schon immer waren Frauen und Männer bereit, für die Verbesserung ihres Aussehens einen hohen Preis zu zahlen. Denn Schönheit und Attraktivität verhelfen uns zum begehrten Partner, zu Aufmerksamkeit, Einfluss, Macht, Erfolg, Geld. Seit jeher machen sich die Menschen schön, malen sich die Lippen an, färben die Haare und lackieren die Nägel. Um ihr Aussehen dauerhaft zu verändern, nehmen viele auch drastische und schmerzhafte Prozeduren hin, die unter die Haut gehen wie Tätowierungen und Schmucknarben und eben auch Operationen.

Über lange Zeit haben sich unsere Schönheitsideale von Epoche zu Epoche und von Kultur zu Kultur unterschiedlich entwickelt. Die üppige Figur der Venus von Milo aus der griechischen Antike ist mit Kleidergröße 44 weit entfernt vom heutigen Schlankheitsgebot; die Lotusfüße der vornehmen Chinesinnen aus vorigen Jahrhunderten, im Kindesalter gebrochen und auf Schuhgröße 17 (!) klein gebunden, empfinden wir, Mitteleuropäer im Jahr 2010, als hässlich und verkrüppelt; die bis zu fünf Zentimeter große Lippenscheibe der Kayapo-Männer aus Zentral-Brasilien wirkt auf uns eher befremdlich.

Wer und was schön ist, zeigen uns heute weltweit und allgegenwärtig unzählige  Bilder. Auf Plakatwänden, in Zeitschriften, im Fernsehen sehen wir, wie eine schöne Frau, ein schöner Mann auszusehen hat, dass es die Schönen sind, die Erfolg haben. Und sie zeigen uns, wie einfach es ist, seinen Körper wunschgerecht zu verändern.

Was wir nicht sehen, ist die aufwändige Vorbereitung und digitale Nachbearbeitung dieser Bilder scheinbar perfekter Menschen. Die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach hat errechnet, dass wir wöchentlich zwischen 2.000 und 5.000 Bildern ausgesetzt sind, die durch digitale Bearbeitung idealisiert worden sind. Ein Schönheitsstandard ist entstanden, der sich vor allem am US-amerikanischen Ideal – kleine Nase, großer Busen, schlanke Taille, lange Beine – orientiert, kulturelle Unterschiede auflöst und – unerreichbar ist. Die weltweite Verbreitung dieser Schönheitsnorm führt dazu, dass Koreanerinnen ihre asiatischen Augen nach westlichen Standards richten und Chinesinnen ihre Beine verlängern lassen.

„Maßnahmen zur Veränderung des physischen Erscheinungsbildes“, bestätigt Christian Schemer vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, „nehmen in den Medien immer mehr Raum ein. Neben Beauty-Tipps, die sich auf Kosmetik oder Kleidung beziehen, werden zunehmend auch schönheitschirurgische Eingriffe thematisiert. Dabei wird der Eindruck vermittelt, dass selbst „Schönheitsoperationen ein völlig normales Mittel sind, seine eigene Attraktivität schnell, sicher und Erfolg versprechend zu verbessern.“ Ständig konfrontiert mit den Verheißungen der Schönheitsindustrie, glauben immer mehr Menschen, mit einem veränderten Körper hätten sie auch ein besseres Leben.

Vor allem Fernsehsendungen wie die Doku-Soap „Extrem schön! Endlich ein neues Leben!“ stellen den Wunsch nach Schönheit, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und die medizinischen Maßnahmen mit Show-Effekt dar. Wer sich in „Extrem schön“ vor laufender Kamera unter‘s Messer legt, scheint nicht nur mit seinem Äußeren, sondern auch mit seinem Leben extrem unzufrieden zu sein. Typischerweise leben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in eher einkommensschwachen Verhältnissen. Sie berichten, wie sehr Eheleben und Freundschaften leiden, weil sie sich so hässlich fühlen. Doch nachdem die zumeist mehrfach operierten, gebissregulierten und perfekt umgestylten Teilnehmerinnen im langen Abendkleid die Treppe hinunter gestiegen sind, endet die Show. Ob nun auch ihr Leben schön ist, erfahren wir nicht.

Laut einer US-Studie sind 65 Prozent aller Frauen mit ihrem Körper unzufrieden. Davon profitiert vor allem die Schönheitsindustrie. Die Hersteller, Verteiler und Dienstleister von Kosmetik, Anti-Aging, Wellness, Fitness, Diätangeboten und Ästhetischer Medizin verdienen viel Geld mit der Unzufriedenheit. Allein mit Ästhetischer Medizin werden nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) und der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) in Deutschland jährlich rund fünf Milliarden Euro umgesetzt. Davon entfallen 800 Millionen Euro auf Schönheitsoperationen, also Operationen, die medizinisch nicht notwendig sind. Hochrechnungen, wie oft Schönheitsoperationen durchgeführt werden, kommen auf 700.000 (DGPRÄC und VDÄPC) bis zu einer Million (Bundesregierung) ästhetisch-chirurgischer Eingriffe pro Jahr.

Wenige Monate nach ihrer Bauchstraffung hat Ellen sich auch die Haut an Oberschenkeln, Oberarmen und auf Anraten ihres Ästhetischen Chirurgen auch gleich den Hals straffen lassen. Dafür berechnen die Ärzte zwischen 4.600 und 8.000 Euro. „Der Eingriff war richtig aufwändig und hat rund sechseinhalb Stunden gedauert.“ Mit dem abgesaugten Fett hat ihr der Arzt die Gesichtsfalten aufgepolstert und den Rest für weitere Behandlungen eingefroren.

Um den lukrativen Markt ständig zu erweitern, die Nachfrage zu steigern und neue Kunden zu gewinnen, werden immer neue vermeintliche Verbesserungen angepriesen: nach Zähne bleachen und Falten füllen, gern auch im Flatrate-Angebot, ist nun die dauerhafte Haarentfernung schon fast zur Pflicht geworden. Nach vier bis fünf Sitzungen, bei denen die Haarwurzeln mit einem Laser verödet werden (Kosten zwischen 29 und 150 Euro pro Sitzung), haben Männer eine bübchenhaft glatte Brust und Frauen eine mädchenhaft haarlose Scham. Der so entblößte und gut sichtbare Intimbereich verlangt eine „äußerlich ansprechende Genitalregion mit möglichst perfekten anatomischen Proportionen“, wie ein Facharzt für Plastische Chirurgie, spezialisiert auf Intimchirurgie, in einem Sonderprodukt einer Ärztezeitung schreibt. Immer mehr Frauen lassen sich nun also die Schamlippen straffen, die Vagina verengen oder den G-Punkt neu positionieren.

Wunsch erfüllende Medizin nennt der Philosoph Matthias Kettner, Professor an der Privat-Universität Witten-Herdecke, die Ästhetische Medizin, die nicht behandelt um zu heilen, sondern um mit einer Dienstleistung Profit zu machen. Zur Wunsch erfüllenden Medizin gehören zum Beispiel auch Kinderwunscherfüllung, Doping und Sterbehilfe. Der Arzt als medizinischer Dienstleister handelt nach den Wünschen seiner Kundinnen und Kunden, oft ohne sie zu hinterfragen. Und warum auch einen Mangel hinnehmen, wenn er sich beheben lässt, warum nicht den Körper nach persönlichem Wunsch und Lebensentwurf verändern?

„Ethisch fragwürdig daran sind zwei Dinge,“ sagt Kettner. „Richtig wünschen ist viel schwerer, als man sich träumen lässt, deshalb führt die Erfüllung falscher und unbedachter Wünsche in Enttäuschung, oft sogar ins Unglück. Man schädigt sich unbedachterweise.“

Ellen ist inzwischen 63. Durch die Eingriffe, sagt sie, habe sie rund zwölf Jahre gewonnen. Regelmäßig lässt sie die Zornesfalte zwischen den Augenbrauen unterspritzen und die Nasolabialfalten, die von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei führen und schnell einen mürrischen Gesichtsaudruck machen, aufpolstern. Falten unterspritzen mit Botox, Hyaloron oder Kollagen sind die häufigsten schönheitsmedizinischen Behandlungen, die fast alle Hautärzte anbieten, weil sie sich für sie auszahlen. Das Spritzen geht schnell und muss alle sechs bis neun Monate wiederholt werden und mit 160 bis 540 Euro pro Sitzung sind sie für den Kunden relativ preiswert. Der Erfolg, im besten Fall geglättete Falten, im schlechtesten eine erstarrte Mimik, ist sofort sichtbar.

Schön und jung aussehen zu wollen, ist normal und jeder hat das Recht, seinen Körper so zu verändern, wie er das möchte, sei es mit Kosmetik, mit Sport oder mit medizinischer Hilfe. Doch es gibt auch Wünsche nach Körperveränderungen, die besser nicht erfüllt werden sollten. „Die Unzufriedenheit nach der Schönheits-OP, die unter Umständen bis zur Sucht gesteigerte Begierde nach immer mehr Veränderungen“, sagt Kettner, „sind starke Hinweise auf eine falsche Wunscherfüllung.“

Wenn Klientinnen und Klienten eine Sucht nach ästhetisch-medizinischen Behandlungen entwickeln, eine psychische Störung haben oder die Körperveränderung gesundheitsschädlich ist wie bei einer sehr starken Brustvergrößerung oder dem Wunsch nach Verstümmelung, sollte nicht operiert werden, schon allein deshalb, weil ein Arzt seinen Patientinnen und Patienten nicht schaden darf.

Bei rund 17 Prozent der SchönheitschirurgiekundInnen vermuten Psychologen die Gefahr einer Körperbildstörung, von den Fachleuten körperdysmorphe Störung, kurz KDS genannt. Für andere kaum oder gar nicht sichtbar, sehen und fühlen Menschen mit KDS sich selbst als hässlich, ja entstellt. Die Betroffenen sind dauernd damit beschäftigt, ihre (vermeintliche) Entstellung zu überprüfen oder zu verbergen. Sie meiden die Öffentlichkeit und befürchten, abgewertet zu werden. Im schlimmsten Fall verlassen sie aus Scham ihre Wohnung nicht mehr und meiden jeden Kontakt mit anderen. Dieses Problem aber lässt sich nicht operativ entfernen. „Ist der eine Makel behoben, geht es bei körperdysmorphen Patienten meistens an einer anderen Körperstelle weiter", sagt Anja Grocholewski, Psychologin in Bielefeld und Expertin für KDS. Für Hautärzte oder Ästhetische Chirurgen ist jedoch kaum erkennbar, ob eine Kundin oder ein Kunde, die/der in ihre Praxis kommt, diese Störung hat.

Am befremdlichsten ist wohl der intensive Wunsch nach Amputation eines gesunden Körperglieds. Circa eins bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung, vor allem Männer, haben diesen Wunsch. Manche von ihnen so heftig, dass sie sich selbst verstümmeln. Diese Erscheinung nennen die Psychologen Body Integrity  Identity  Disorder (BIID - Körper-Integritäts-Identitäts-Störung). BIIDler haben das Gefühl, dass sie in einem vollständigen Körper falsch sind. Wie die Teilnehmer an „Extrem schön“ oder auch Transsexuelle, die sich im falschen Geschlecht fühlen, erhoffen sich auch BIIDler von der drastischen Körperveränderung einer Amputation das passende Leben. Mit Schönheitsstandards hat das nichts mehr zu tun. Als Motiv beschreiben die Betroffenen genau wie beim „normalen“ Wunsch nach Verschönerung die Vervollkommnung ihres Körperschemas und die Gestaltung der eigenen Identität. Doch hier geht es um Selbstverstümmelung. Eine Brustvergrößerung kann rückgängig gemacht werden, eine Amputation nicht. Bislang ist umstritten, ob der intensive Amputationswunsch eine psychische oder eine neurologische Störung ist und ob er chirurgisch erfüllt oder psychotherapeutisch behandelt werden soll.

Sicher hat jede/r ein Recht darauf, seinen Körper so zu gestalten, wie sie/er möchte. Doch wovon hängt ab, wer was möchte? Sind es wirklich unsere eigenen Schönheitswünsche, die wir mit medizinischer Hilfe erfüllen, oder sind es die Gewinnmaximierungen eines Schönheitsmarkts, der immer neue Moden erschafft, um immer mehr Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen? Und wo liegen die Grenzen, sein Äußeres so zu gestalten, wie man möchte? Vor der Ausweitung des Schönheitsmarkts war Schönheit ein Wunsch und manchmal ein Geschenk der Natur. Es war normal, normal auszusehen. Inzwischen ist nicht mehr das Schicksal sondern jeder für seinen Körper selbst verantwortlich. „Die Überfrachtung des Einzelnen mit Verantwortung, im Leben nicht zu scheitern“, sagt der Philosoph Kettner „ist nun um die Dimension erweitert, verantwortlich zu sein dafür, dass man schön ist und bleibt.“

Text: Iris Junker

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