...  Gesellschaft
Erdgasfahrzeuge sollen Anschub bekommen >
< Hochaltrigkeit sichtbar machen
15.09.2011 23:31 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Technik des Erwachens – die Bundesregierung übt Bürgerbeteiligung beim Thema Energie


Eine Bürgerkonferenz, © BMBF/Wolfgang Scholien

Wenn der Flusswind beflügelt ... Weiße Flaggen flattern am Main, den Fluss entlang von Kelsterbach bis Mühlheim-Dietesheim, künden von Fantasie und künstlerischer Energie. Und davon, dass an dieser Stelle in einigen Monaten eine Station der Klimaroute entstehen und den Klimawandel begreifbar machen soll. © Dorina Zehn

3. September, acht Uhr fünfundvierzig. Ein akkubetriebenes Ungetüm namens Wecker fiepst in hellen Tönen – als könnte fiepen, ziepen anders klingen –, fiepst immer lauter, zieht und zerrt an meinem Hörorgan und dringt schließlich durch vom Schlaf noch fest verschlossene Ohren. Niemand spricht mit mir. Auch ich spreche noch nicht. Nicht mit mir, nicht mit anderen und verbrauche kaum Energie; ich habe noch keine. Am heiligen Samstag, wenn der gemeine Arbeitnehmer, die tüchtige Angestellte endlich ausschlafen kann, weil die Läden mittlerweile länger geöffnet haben für den großen Samstagseinkauf, soll ich, darf ich meine müden Knochen erheben. Bürgerin spute dich, allerhöchste Eisenbahn aufzuwachen und aufzustehen. Nicht einmal eine dreiviertel Stunde für die übliche Morgenzeremonie und -maskerade: Kaffee machen, Zähne putzen ... Das zweite Gesicht, das gemalte, Zeitschriften möglichst ähnliche Gesicht kannst du dir in der S-Bahn auftragen. Die Bürgerin darf dialogisieren, und da soll sie wach aussehen. Annette Schavan hat geladen. Zur sechsten Bürgerkonferenz zum Thema „Energietechnologie für die Zukunft“.

„Bitte seien Sie eine halbe Stunde vorher vor Ort ...“ Eigenmächtig hat die Bürgerin sich vorgestellt, alle kämen eine halbe Stunde früher. Dann müsste sie, ein Bein müde vor das andere setzend, sich einreihen in die Schlange und warten, bis sie sich registrieren darf. Eigensinnig beschließt sie also, pünktlich und nicht pro-aktiv vorzeitig da zu sein. In der Rechten die elektrische Zahnbürste, in der Linken den elektrischen Milchaufschäumer denkt sie nach, wie man anders als aktiv etwas tun kann, wie man seit ein paar Jahren so gerne sagt, oder gar pro-aktiv, wie frau jede Menge Aktivitäten vollbringen kann ohne allzu viele, vor allem aber unnötige Energie(n) zu verbrauchen.

Noch schlafen die Straßen. Die Räder ruhen rund, reiben sich noch nicht am Asphalt, der heute meist Bitumen ist, und laden sich und die breiten Bänder noch nicht auf mit Energie, die unvernetzt ungenutzt verpufft anders als in den Niederlanden etwa – davon später. Die U- und S-Bahnwagen sind fast voll, die meisten Sitzplätze besetzt. Für den gemeinen Arbeitnehmer, die tüchtige dienstbare Angestellte hat Morgenstund, wenn nicht Gold, so doch reichlich Energie und wache Worte im Mund. Bleitau liegt nur auf meinen Augenlidern. Also muss die Schminke Auge werden, Lid und Lippen Form und Farbe geben. Schließlich will ich mitreden und sehen, wer was sagt.

Wohl kaum ein Wort ist so schillernd und vielseitig wie Energie. Die Naturwissenschaft-ler, die Geisteswissenschaftler, die Philosophen reklamieren es für sich. Und natürlich die Ingenieurwissenschaften. Den Fußball nicht zu vergessen – man und frau denke an „Energie Cottbus“. Doch das Wörterbuch der Gebrüder Grimm – begonnen etwa 1815, das umfassendste deutsche Wörterbuch, kennt die Energie nicht. Laut Goethe-Wörterbuch kam das Lehnwort erst Ende des 18. Jahrhunderts in den deutschen Sprachgebrauch. Für die alten Griechen bedeutete Energie soviel wie „innere Wirksam-keit, Entschlossenheit“. Auch der Brockhaus von 1894 definiert Energie zuallererst als Willenskraft,  erst in zweiter Linie physikalisch und technisch als „Fähigkeit eines Körpers, eine (mechanische) Arbeit zu leisten“. Heute wissen wir, dass Ruhe und Energie ein Paar sind, dass es Körper, menschliche und tierische Körper in völliger Ruhe nicht gibt. Selbst im Liegen, Ruhen, Schlafen, reglos Tagträumen verbraucht unser Körper Energie, daher der morgendliche Hunger. Was aber alle Enzyklopädien und Wörterbü-cher bis vor einigen Jahren nicht kannten: Die Energiewende.

Am 14. März bzw. am 6. Juni dieses Jahres wendeten Angela Merkel und die gesamte schwarz-gelbe Bundesregierung ihre Hälse, stiegen aus dem Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomenergie wieder aus und hoben die Energiewende erneut auf den Zukunftsplan. Und weil das alles so plötzlich kam, weil der Reaktor-Unfall in Harrisburg so weit weg ist – sowohl räumlich, nämlich überm Teich in den USA und das heißt Luftlinie 6.600,681 Kilometer, als auch zeitlich: nämlich am 28. März 1979, weil Tschernobyl und das Unglücks-Akw in Russland liegt – Luftlinie 1.149,135 Kilometer von Berlin – und dessen GAU, der Größte Anzunehmende Unfall, sich am 26. April erst zum 25. Mal jährte, war guter Rat rar, wie diese Energiewende hinzubekommen sei. Seit 8. Juli ist sie beschlossene Bundestags- und -ratssache. Also verfiel das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf die ebenso kluge wie gar nicht so neue Idee der Bürgerbeteiligung im demokratischen Staat. Laut Ministerialdirektor Professor Doktor Wolf-Dieter Lukas sei dies das Ende der Sprachlosigkeit, ein neuer Weg der (Forschungs)Politik. Das Konzept sei fünf Jahre alt und diene der Frage, welche Themen für die Forschung förderwürdig sind.

Eine Woche später, am 16. Juli, , lächelte Frau Professor Doktor Annette Schavan ob des Auftakts der Bürgerkonferenzen, für den sie Berlin auserkoren hatte. Es folgten nacheinander: Stuttgart, Hamburg, Hannover, Dresden, Frankfurt am Main, München und Düsseldorf. Allerdings ging der ersten Bürgerkonferenz schon eine sogenannte Bürgerwerkstatt voraus (im schwäbischen Waiblingen). Die erste Runde des Bürgerdialogs findet in Berlin auch ihren Abschluss, am 22. September mit einer Bürgerwerkstatt. Bundesweit gibt es insgesamt 25 Bürgerwerkstätten. An ihnen darf jede und jeder teilnehmen, an der Bürgerkonferenz nur Ausgewählte, zufällig aus dem Telefonbuch Ausgewählte, wie es heißt. Daneben gibt es noch den Online-Dialog, an dem sich bis 30. September alle beteiligen, mitreden und Ideen oder Anregungen einbringen können: www.buergerdialog-bmbf.de/energietechnologien-fuer-die-zukunft/

Im Frankfurter Tagungssaal im Saalbau Gallus, einem Haus mit Geschichte, in dem 1964 Angeklagte, Richter und Verteidiger des ersten Auschwitz-Prozess saßen und die Worte flogen, sitzen Anfang September an elf Tischen mehr als hundert Teilnehmer und „Expertinnen“, Moderatorinnen und Protokollanten. Repräsentativ sei die Auswahl der Teilnehmenden, wurde der Journalistin gesagt. Doch an jedem Tisch sind höchstens drei Frauen unter Männern. Bei diesem Thema sei das repräsentativ, beim Thema Gesundheit seien mehr Frauen da. Auch wenn das stimmt, so lange Politik und Wirtschaft die Mehrheit, die 51 Prozent Frauen nicht erreichen, kann die Energiewende nicht gelingen. Das weibliche Geschlecht ist nach wie vor die treibende Kraft in Haushaltsdingen und alltäglichen Umweltfragen. Die Energiewende ist weiblich wie die Energie.

Ob Mann, ob Frau, die Teilnehmenden sitzen sechs insgesamt Stunden um runde Tische, denken und diskutieren, sinnen und sprechen tischweise über die vier Felder: Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Speicher und Netze, Brückentechnologie. Vor dem Mittagessen die erste und als Nachtisch die zweite Tischdiskussion zur Brückentechnologie. Gefragt war nach den „Chancen und Herausforderungen bei der Umsetzung der getroffenen Entscheidungen.“ Die Geräuschkulisse erinnert an Schwimmbad. Lautes Gemurmel, die Stimmen ein Knäuel voller Knoten, unentwirrbar. Mein Gegenüber äußert sich leise, er ist für mich nicht zu verstehen. Eine Befürworterin von Atomkraft meint, die Entwicklung der Akws sei der des Autos vergleichbar. Ein anderer hält CCS (die Lagerung von CO2 – „Carbon Dioxide Capture and Storage“) für die Lösung schlechthin. Andere urteilen, damit würde nur ein Problem verlagert. Einer sieht die alternde Gesellschaft als Grund, dass die bereitstehenden Fördergelder nicht ausgeschöpft würden. Mehr als die Hälfte der Hausbesitzer sei über fünfzig und habe in punkto Amortisation einen anderen Zeithorizont als etwa ein Dreißigjähriger. Seine Folgerung: Die Technologien müssten zu den Menschen passen. Viele sprechen sich für Energiemix aus Wind und Sonne und Biomasse sowie Dezentralisierung aus (Stichwort Bürgerkraftwerke).

Da ist die Rede von praktischen Erfahrungen mit Dämmung und Solardach, von Gas als Brückentechnologie, von den Einspeisepunkten, die in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren von schätzungsweise 10.000 auf heute rund zwei Milliarden gestiegen seien. Davon, dass kaum jemand im Kopf hat, wie viel Kilowatt er oder sie im Jahr verbraucht. Beim Stichwort Energiesparen denken die meisten an Strom. Nicht aber an Heizung und Gas, nicht an Autofahren und Urlaubsflüge ... Auch nicht an energieverschwendende Packungsgrößen wie Kaffeemilch in Portionsdöschen für den kleinen Tassenverbrauch. 7,5 Gramm einzeln ummantelt von weißem Plastik und von Alufolie luftdicht behütet.

Von Negawatt, das heißt von negativen Megawatt, nach dem Motto: nur ein nicht verbrauchtes Watt ist ein gutes Watt, von der Speicherung, die in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden sei aufgrund des starren Blicks auf die Gewinnung von Energie. Von Strom aus der Straße und dem Energiebündel Mensch. Einige Beispiele dazu: Im niederländischen Rotterdam gibt es Straßen, die ein ganzes Einkaufszentrum beheizen. Im Stockholmer Hauptbahnhof erwärmen die durcheilenden Menschen das große Gebäude, und in Amerika, in Minnesota das größte Einkaufszentrum der Welt. Dort arbeiten Ingenieure an befahrbaren Solarzellen, sodass die Kilometer langen und breiten Bänder energiebringend genutzt werden könnten. Aus der Mark Brandenburg ist ähnliches zu lesen. Beim Ausbau des südlichen Berliner Rings werden die Lärmschutzwände vielleicht aus Solarmodulen bestehen.

Wer hat während der Bürgerkonferenz und der anschließenden Bürgerwerkstatt mit wem gesprochen? Hörte wer zu? War ich Zeugin eines vielstimmigen Monologs, bei dem hinten herauskommt, was vorne hineingetan wurde? Oder war es nur ein vielköpfiger Braintrust, der da in Frankfurt und anderswo saß und redete, sich reden hörte und das Altbekannte von der Zunge abspulte? Kaum leere Stühle gegen Veranstaltungsschluss, nur wenige sind gegangen, und alle waren ganz bei der Sache. Sie wissen: Es ist allerhöchste Eisenbahn. Für uns und die Bundesregierung. Nach der Sommerpause wird es ernst mit der Energiewende im Land. Frau möchte ihr zurufen: Nutze deine Bürger! Einen größeren Thinktank mit mehr Potenzial findest Du nicht. „Der Modebegriff Schwarmintelligenz verheißt Positives – aus vielen guten Entscheidungen Einzelner wird die Weisheit der Masse. Doch gemeinsam sind wir dümmer“, titelte der Spiegel provokant im Mai. Vermutlich ist es wie bei der Verkostung oder Verprobung: Wenn alle kosten und mitreden, kommt Mittelmaß dabei heraus.

Noch finden zwei Bürgerwerkstätten statt, wo – wenn wie in Frankfurt – drei Handvoll Menschen denken und reden und Ideen sammeln. Der vielzüngige Prozess der Bürger-beteiligung gipfelt in Berlin, wo die Ideen und Voten, Meinungen und Anregungen der Bürgerkonferenzen zu Empfehlungen für das BMBF zum „Bürgerreport“ gebündelt werden, wie die Energieversorgung umgebaut und die damit zusammenhängenden Konflikte gelöst werden könnten. Auch die Anregungen der Bürgerwerkstätten und der Konsultationen des Online-Dialogs fließen mit ein.

„Technik des Erwachens“ nannte Ursula Krechel ihren 7. Gedichtband. Die ehemalige Frankfurter Schriftstellerin meint damit „jede Form von Illusionsverlust, aus dem eine permanente Aufmerksamkeit resultiert. ‚Erwachen’ bedeutet, sich dieser dauernden Wahrnehmung zu stellen.“

Allerhöchste Zeit aufzuwachen. Für die Bundesregierung wie für ihre Bürger und Bürgerinnen.  In der Rechten die elektrische Zahnbürste, in der Linken der elektrische Milchaufschäumer für das Glas warme Milch am Abend, das gut und gesund sein soll für die Nachtruhe, weil es das Schlafhormon Melathonin enthält, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert und der Mensch ab 25 immer weniger produziert – so stehe ich Tage später und mir fällt auf, dass alles wie immer mit allem zusammenhängt und alles einen Kreis(lauf) beschreibt, diese geschlossene Form, aus der es kein Entkommen gibt, die zugleich nach vorn und hinten verweist, in eine Zeit, als ich meine Zähne noch mecha-nisch bürstete, mal hingebungsvoll, mal hastig, und mir dadurch vermutlich so manches Loch einhandelte, als es keine Aufschäumer gab und warme Milch deshalb immer eine Haut hatte, warum ich keine Milch getrunken habe, was aber für die ersten Zähne, die Milchzähne, gut und nötig gewesen wäre, sodass viele meiner Generation Stümpfe und Zahnamputationen zu beklagen haben. Und dass alles relativ ist – auch die Sache mit der Energie. Als Kind und Jugendliche habe ich  zwar Energie gespart beim Zähneputzen und Nichtmilchaufschäumen – Negawatt. Aber die hat der Zahnarzt dann später allemal verbraucht für Plomben, Wurzelbehandlungen und Inlets undsoweiter.

Text: Dorina Zehn

Anzeigen

Wenn Ihnen die reinMein gefällt, bitte weitererzählen... 

reinMein-Twitter

reinMein-Facebook