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22.12.2011 09:25 Alter: 3 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Raus auf die Straße


Alle Fotos von Klaus Störch, Leiter des Hauses St. Martin am Autoberg. Er stellte seine Fotografien zu einer Ausstellung zusammen, die ab März 2012 geordert werden kann. Bei Interesse einfach bei Herrn Störch oder Frau Löw im Haus St. Martin anfragen.

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Hier im Haus St. Martin am Autoberg können sich Wohnungslose Rat und Hilfe holen. © Sonja Lehnert

Die BAG W, Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., schätzt,  dass aktuell 248.000 Menschen ohne Wohnung lebten. Besonders betroffen seien die so genannten alleinstehenden Wohnungslosen, von denen zirka 22.000 ganz ohne Unterkunft auf der Straße lebten. Da sie nirgends gemeldet sind, gibt es auch keine Statistiken über die genaue Zahl der Wohnungslosen in Deutschland. Was aber bekannt ist, dass seit 1991 mindestens 272 Wohnungslose im Freien, unter Brücken, auf Parkbänken, in Hauseingängen, Abrisshäusern, in scheinbar sicheren Gartenlauben und sonstigen Unterständen erfroren sind.

Notübernachtungsstellen werden nur zeitlich begrenzt geboten

Hilfsangebote und unterstützende Maßnahmen sind von Bundesland zu Bundesland, sogar von Landkreis zu Landkreis ganz verschieden. Die Tagesgelder in Höhe von 12 Euro werden je nach Kreis täglich oder auch einmal im Monat ausbezahlt (das entspricht etwa dem Arbeitslosengeld II). Es gibt Regelungen, die besagen, dass Wohnungslose nur zwei Mal pro Woche ihren Tagessatz am selben Ort abholen dürfen, so wie im Main-Taunus-Kreis. Hier bietet das Haus St. Martin am Autoberg in Hattersheim neben einer Tagesstätte auch eine Notübernachtungsstelle für bis zu sieben Nächte am Stück in einem Monat (im Winter besteht allerdings mit der Kältereglung eine Ausnahme).  Die Einrichtung ist klein, und wie Sozialarbeiter Frank Dußler beschreibt, als ruhiger Rückzugspunkt eine Alternative zu den stark besuchten Häusern in den Großstädten. Die Menschen kämen gerne hierher, einfach um sich auch einmal ausruhen zu können. Drei wohnlich eingerichtete Gästezimmer stehen bereit, Dusche, Bad und Küche können benutzt werden. Die stehen natürlich auch denen offen, die die Tagesstätte „Café“ besuchen. Während der Öffnungszeiten gibt es ein kostenloses Frühstücksbuffet, Waschmaschine und Trockner stehen bereit, es gibt Schließfächer, alle 14 Tage ist eine ärztliche Sprechstunde geöffnet und natürlich können die Beratung und Unterstützung der drei Sozialarbeiter in Anspruch genommen werden. Die häufigsten, immer wieder auftretenden Probleme sind die Durchsetzung von Rechtsansprüchen, der Umgang mit Ämtern und Behörden, die Vermittlung zur medizinischen Versorgung und natürlich Unterstützung bei der Wohnungssuche. Ist eine Wohnung gefunden, wird innerhalb des Angebots zum „Betreuten Wohnen“ weiterhin Hilfe geboten bei der Sicherung des Wohnraums und bei persönlichen und sozialen Schwierigkeiten.

Auch für Migranten ist das Haus St. Martin eine Anlaufstelle, die beim Umgang mit Behörden, bei der schulischen, sprachlichen und beruflichen Eingliederung und bei persönlichen Problemen hilft.

Eine Wohnung zu finden, ist im Main-Taunus-Kreis schwierig. Die Mieten und die Kosten für Makler sind vergleichsweise hoch und Vermieter scheuen die vermeintlichen Probleme, die mit einziehen könnten. Viele fürchten ein hohes Suchtverhalten, Gewaltpotenzial, wenig Sorgfalt im Umgang mit der Wohnung und sie wollen nichts mit den Behörden zu tun haben. Vielerorts, wie etwa in Hofheim, der Kreisstadt des Main-Taunus-Kreises, setzen sich Einrichtungen wie die Ökumenische Wohnhilfe im Taunus e.V. mit eigenem Wohnraum dafür ein, dass Wohnungen auch für die Menschen bereit stehen, die außerhalb der Gesellschaftsstruktur leben. Dort werden Beratung und Hilfeplanung für Menschen in Wohnungsnot (Wohnraumenge, drohende Obdachlosigkeit, Wohnungslose) angeboten. Die Beratungs- und Hilfestelle richtet sich auch an Einwanderer, Flüchtlinge, Aussiedler und Menschen in sozialen Schwierigkeiten, die zum Beispiel ihre Wohnung verlieren, ihre Miete nicht bezahlen können, Menschen mit Wohnungskündigungen und Frauen aus dem Frauenhaus. Die Ökumenische Wohnhilfe ist unter der Telefonnummer 06192-900191 zu erreichen. Informationen im Internet sind zu finden unter www.wohnhilfe-taunus.de. Helfen können hier Vermieter, die Wohnraum zu bieten haben und Menschen, die gerne vermieten möchten, aber davon ausgehen, dass ihre Objekte unvermietbar sind. In einem solchen Fall bietet die Ökumenische Wohnhilfe Unterstützung.

Übergangswohnheime müssen zum Teil strikte Regeln aufstellen

Eine Alternative für Wohnungslose bietet sich neben den Notübernachtungsstellen in den Übergangswohnheimen. Dort können Wohnungslose leben, bis eine eigene Wohnung gefunden ist. Auch hier gibt es die unterstützende Begleitung durch Sozialarbeiter. Der Landeswohlfahrtsverband LWV ist Träger der Einrichtungen, bietet Mahlzeiten und einen dauerhaften Schlafplatz, gibt dafür aber nur ein Taschengeld an die Bewohnerinnen und Bewohner aus und regelt das Gemeinschaftsleben mit einer ganzen Reihe von Vorgaben. Diese Reglementierung ist manchen zu viel und sie ziehen einem sicheren Schlafplatz die Straße und die freie Entscheidung, selbst über ihr Geld bestimmen zu können, vor.

Im Winter allerdings sind die Übergangswohnheime gefüllt und die Notübernachtungsstellen weniger besucht. Gerade über die Weihnachtsfeiertage möchten viele der Wohnungslosen an einem Ort bleiben dürfen, der für ein paar Tage Ausruhen verspricht.

Warum die Straße?

80 bis 90 Prozent der Wohnungslosen sind männlich. Das liege wohl daran, erklärt Frank Dußler, dass Frauen generell ein besser funktionierendes soziales Netzwerk hätten. Sie könnten eher als Männer bei FreundInnen und Bekannten klingeln und um Hilfe bitten. Selten ist das Leben auf der Straße von den Betroffenen selbst gewählt. Sicher gäbe es Gruppen von vor allem jungen Menschen, die in Zeltstädten oder in Wohnwagenkolonien lebten, dort geduldet aber nicht gemeldet seien, sagt Dußler. Beim Großteil der Wohnungslosen treffe aber das zu, was im § 67 des SGB zu „Menschen mit/in besonderen sozialen Schwierigkeiten“ festgehalten sei. In jüngster Zeit hat allerdings die Gesetzgebung mit dazu beigetragen, dass mehr junge Leute auf der Straße leben. Bis zum Alter von 25 Jahren müssen sie nämlich zu Hause wohnen, bevor sie von den Behörden Unterstützung für eine eigene Wohnung erhalten.

Zum Verlust der Wohnung haben oft Sucht- oder Gesundheits- sowie psychische Probleme geführt, denen man bei einem Leben auf der Straße – vermeintlich – ausweichen kann. Wird dann wieder eine Wohnung gesucht, sind es wiederum dieselben Schwierigkeiten, die eine eigene Wohnung vereiteln und die Wohnungssuche fehl schlagen lässt. Beratungsstellen wie das Haus St. Martin am Autoberg können helfen, bei der Wohnungssuche klarzukommen, Anträge zum Arbeitslosengeld II auszufüllen, damit Miete und Lebensunterhalt gesichert sind, Behördengänge zu bewältigen und schließlich, wenn sich eine gewisse Stabilität im Leben eingestellt hat, auch bei der Arbeitssuche nicht alleine dazustehen.

Arbeit zu finden, ist schwierig und nicht jede/r ist gesundheitlich in der Lage, zu arbeiten. Wohnungslose lebten manchmal schon über 25 Jahre auf der Straße und das „frühere Leben“ sei zu lange her, um wieder in die Gesellschaftsstruktur zurückzufinden, sagt Dußler und fügt an: „Je kürzer die Zeit auf der Straße dauerte, desto schneller findet eine Eingliederung statt..“ Das angestrebte Ziel sei allerdings nicht in erster Linie der Arbeitsplatz, sondern es sei der Anspruch, dass die Menschen wieder selbstbestimmt leben könnten.

Für das Jahr 2012 bereitet das Haus St. Martin am Autoberg (Tel.: 06190-935712) ein Projekt vor, das die Gründung einer Wohngemeinschaft vorsieht. Dort sollen zwei bis drei Personen in einer Wohnung mit eigenen Zimmern zusammenleben können.

Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit (Quelle: www.bagw.d)

Jede Gemeinde in Deutschland muss Wohnungslose unterbringen. „In unserem Grundgesetz ist jedem das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit garantiert und es ist die Aufgabe und Pflicht der Städte und Gemeinden im Rahmen ihrer Zuständigkeit dieses Grundrecht zu schützen“, erklärte Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG W. „Die Städte und Gemeinden müssen ausreichend viele Notunterkünfte bereithalten. Aufgrund der gestiegenen Zahl der Wohnungslosen sollten die Kommunen verstärkt prüfen, ob die getroffenen Vorkehrungen ausreichend sind. Dies betrifft auch die Qualität der Notübernachtungsplätze.“

Nach Erfahrung der Wohnungslosenhilfe wird ein Teil der Betroffenen von den Angeboten nicht erreicht. Viele sind physisch und psychisch nicht in der Verfassung sich in Massenunterkünften zu behaupten und sich ggf. gegen Übergriffe und Auseinandersetzungen durchzusetzen. Viele Angebote sind zu weit abgelegen und werden deswegen nicht erreicht, sind zu früh überfüllt, bieten keine Aufenthaltserlaubnis tagsüber und keine sichere Aufbewahrung der Habseligkeiten.

Es sei den Kommunen bekannt, dass Betroffene solche Quartiere nicht annehmen, so die BAG W. „Neben sicheren und menschenwürdigen Übernachtungsplätzen muss es großzügig geöffnete Tagesaufenthalte geben. Streetwork und alle weiteren Formen aufsuchender Hilfeangebote können Leben retten. Aufmerksame Mitbürger sollten auf jeden Fall mit der 112 die Polizei verständigen, wenn sie auf einen hilfebedürftigen Wohnungslosen aufmerksam werden“, so Thomas Specht.

Die Migration von EU-Bürgern, insb. aus den osteuropäischen Mitgliedsstaaten hat in den letzten Jahren zugenommen. Eine immer größer werdende Zahl dieser Menschen landet irgendwann mittellos, wohnungslos und krank auf der Straße. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit steht jedem Menschen zu – unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Deswegen müssen die Kommunen auch Sorge dafür tragen, dass diese größer werdende Gruppe wohnungsloser Migranten Zugang zu menschenwürdigem Erfrierungsschutz erhält.

Text: Sonja Lehnert

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