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20.01.2012 19:46 Alter: 7 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

"Occupy Man’s World"


Von 19. Januar bis 10. Februar 2012 findet in der Volkshochschule Offenbach die Veranstaltungsreihe „Karikatur und Humor als Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung - ein Schlaglicht auf die Frauenperspektive“ statt. Auftaktveranstaltung und Ausstellungseröffnung, © Dörthe Krohn

Dieser Titel einer Karikatur von Franziska Becker, erschienen in der EMMA, bezieht sich auf den Internationalen Währungsfonds. IWF-Chefin Christine Lagarde verteilt in der Karikatur die Geldvorräte an Frauen diverser Nationen mit den Worten: „Mädels, es ist genug da! Wie viel braucht ihr?“„Occupy Man’s World“ könnte aber auch die Aufforderung für so viele andere Lebens- und Arbeitsbereiche sein. Die obersten Chefetagen in den Dax-Unternehmen beispielsweise, in denen Frauen hartnäckig drastisch unterrepräsentiert sind. „Nicht schon wieder dieses Thema!“ Wenn sie das Kolleginnen und Kollegen vorschlage, so HR 2-Kultur-Moderatorin Karen Fuhrmann, könne es passieren, dass der eine oder die andere die Augen verdreht. Fuhrmann moderierte am 19. Januar 2012 die Diskussionsrunde „Sehen und zeichnen Frauen anders?“ mit  den Karikaturistinnen Franziska Becker, Teresa Habild und Birte Strohmayer in der Volkshochschule (VHS) Offenbach. Frauen bekämen von den Medien die x-te Autoseite vorgesetzt, entgegnete eine Frau aus dem Publikum. Da interessiere es die ja auch nicht, ob Frauen das immer wieder lesen wollen oder nicht. Ob wir das Thema: Mehr Frauen in Aufsichtsräte etc. noch brauchen? Vielleicht eine frische, junge, neue Herangehensweise.

„Occupy Man’s World“ könnte auch ein Aufruf für die KarikaturistInnen-Szene selbst sein. Es gibt nicht so viele Frauen, die hier unterwegs sind. Ein paar mehr täten ihr sicher gut. Was könnten die Gründe dafür sein? Die Tröge werden weniger, unter anderem weil es immer weniger Magazine gebe, die Cartoons oder Karikaturen im Programm haben, ist die Beobachtung von Franziska Becker. Zum anderen müssten Frauen nicht nur Talent mitbringen sondern auch den Willen, ihre Schöpfungen ins öffentliche Gespräch bringen zu wollen. Frauen möchten geliebt werden, doch als Karikaturistin muss frau aushalten können, dass Menschen sich auf den Schal oder Schlips getreten fühlen. Wer austeilt muss eben auch einstecken können. Eine klare Haltung müsse man haben, so Franziska Becker. Man müsse Themen zuspitzen, über das Ziel hinaus schießen, sich Dinge anmaßen, die sich Frauen in der Regel nicht anmaßen.

Eine Portion Respektlosigkeit, Gemeinheit und Aggressionspotenzial gehört zur Grundausstattung, doch es gibt auch Grenzen. Offenbacherin Teresa Habild, die wöchentlich in der Rhein-Main-Zeitung der F.A.Z. mit einer Karikatur vertreten ist, spricht von den Grenzen, die ihr die Redaktion setzt. Es gebe durchaus Themen, die zu weit gingen: Tabubrüche, Krankheit und Tod, auch Religion sei schwierig. Birte Strohmayer bekannte, ihr Spezialgebiet seien Begräbnisse, was im Saal nicht ohne schallendes Echo blieb, kam die Anmerkung doch mit dem ureigenen Strohmayerschen Humor rüber. Darüber hinaus nimmt sie meist übergewichtige Frauen und Männer in jeglichen Beziehungskonstellationen auf die Schippe. Eine Amüsierprobe zwischendurch: http://www.birte-s.de/Badenixe/Philosophie/Gluck/gluck.html. Klasse auch diese Offenbarung: (Über dem Diskutantinnen-Quartett erschienen auf einer Leinwand abwechselnd Karikaturen der Frauen.) Birte Strohmayers Zeichnung zeigt einen großen Hund, der zur Begrüßung überschwänglich und in eindeutiger Pose an seinem Frauchen hochsteigt. Hinter dem Hund, noch im Hausflur stehend, steht der Ehemann. Seine Frau sagt sinngemäß, dass sie sich wünschen würde, auch mal so von ihm begrüßt zu werden. „Haben sie das selbst erlebt?“, wurde Strohmayer von Fuhrmann gefragt. Sie habe sich eben vorgestellt, dass es schön sei, wenn sie ihr Mann jeden Tag mit so viel Leidenschaft begrüßen würde. Allerding, und das schiebt Strohmayer etwas später nach, habe sie augenblicklich weder Mann noch Hund.

Franziska Becker vertrat die Meinung, es dürfe keine heiligen Kühe geben. Grundsätzlich seien keine Themen tabu. Eine persönliche Grenze bestehe in der Umsetzung. Zum einen könne es zeichnerische Grenzen geben, wenn das eigene Vermögen nicht ausreiche, um das Thema in der gewünschten Form zu präsentieren. Zum anderen die inhaltliche Umsetzung: Opfer dürften durch eine Karikatur nicht ein zweites Mal zu Opfern werden, etwa beim Thema Missbrauch. Das Lachen von unten nach oben sei okay. Wenn Hierarchiehöhere sich über Untergebene lustig machten, sei das eher nicht spaßig. Becker sieht ihre Arbeit als politisch an und sie ist es ohne Zweifel. In diesem Sinne grenzt sie auch den Cartoon begrifflich von der Karikatur ab. Eine Karikatur hat gesellschaftspolitische Relevanz, hat einen ernsthaften Hintergrund, ein Cartoon hingegen kann einfach nur in Scherz sein.

Sie schöpfen alle aus dem Alltag und aus aktuellen politischen oder wirtschaftlichen Anlässen. „Interessant ist der Humor, wo er einen selbst betrifft“, so Franziska Becker. Sie befasst sich aus einem feministischen Blickwinkel mit der Welt, ist der Frauenbewegung verbunden. Ihre aus der Werbebranche kommende Kollegin Birte Strohmayer sieht sich weniger politisch, „möchte etwas bewegen, was immer das ist“. Teresa Habild nähert sich den Geschehnissen nicht in erster Linie als Frau sondern als Person, als Mensch. Ihre F.A.Z.-Karikaturen sind nur mit ihrem Nachnamen Habild unterschrieben, sodass die Rezipentinnen und Rezipienten nicht erkennen können, ob eine Frau oder ein Mann gezeichnet hat. Sie fühle sich anerkannt, wenn man ihren Kreationen einen männlichen Autor unterstelle. Teresa Habild möchte nicht, dass ihr Werk aus einer Genderperspektive betrachtet wird. „Ich glaube, Leserinnen und Leser interessiert nicht, ob ich eine Frau oder ein Mann bin.“ Die wenigsten fragen danach in ihren Zuschriften. Frauen kritisieren darin tendenziell eher die von Habild gewählten Themen, Männer eher formale Aspekte. Dann habe die Frauenbewegung doch sehr viel erreicht, wenn eine junge Karikaturistin sich heutzutage in erster Linie als Person und nicht als Frau sehe, fand Becker.

Wichtig ist, ein gewisses Geschichtsbewusstsein zu bewahren, anzuerkennen, was die Frauenbewegungen erreicht haben und sich nicht gegen Emanzipation abzugrenzen, weil das Label nicht mehr angesagt ist. Sonst fängt jede nachkommende Generation wieder bei null an und sägen sich junge Frauen selbst den Ast ab, auf dem sie sitzen.  

Der Generationenunterschied macht sich nur zum Teil im Umgang mit den neuen Medien bemerkbar. Alle drei bevorzugen das Arbeiten mit Papier, die sinnliche, haptische Erfahrung. Für die junge Generation der Branche sei das atypisch, meint Teresa Habild, die auch mit der grafischen Gestaltung am PC kein Problem hat, doch Papierzeichnung oder Computergrafik, das seien zwei unterschiedliche Paar Stiefel.

Neben den drei genannten Karikaturistinnen sind auch Werke von Marie Marcks in der Ausstellung auf drei Etagen der Volkshochschule Offenbach zu sehen.  Das Caricatura Museum Frankfurt wird im August dieses Jahres anlässlich des 90. Geburtstags der heute in Heidelberg lebende Karikaturistin Marie Marcks eine Ausstellung zeigen. Weitere Infos und viel zu lachen gibt es auf der Homepage von Marie Marcks

Von Teresa Habild gibt es eine kleine Galerie auf der Seite der Offenbacher Verkehrs-Betriebe, darüber hinaus jede Menge Witz mit Verstand auf: www.h-bild.de

Die Kölnerin Franziska Becker gibt Einblicke in ihre Frauenansichten auf:  www.walkyrax.de

Birte Strohmayer überzeugt die Lachmuskeln auf: www.birte-s.de

Wer Lust hat, sich weiter mit dem Thema „Karikatur und Humor als Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung - ein Schlaglicht auf die Frauenperspektive“ zu beschäftigen und die Ausstellung in Offenbach anschauen möchte, kommt hier weiter: reinMein-Veranstaltungsankündigung

Text: Dörthe Krohn

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