...  Gesellschaft
Ostermontag einen Beitrag zum Abschalten leisten >
< Geärgert, gehänselt, ge(cyber)mobbt…
08.04.2011 19:40 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Marktpatz Deutsche Börse im Umbruch


The Cube in Eschborn

© Dörthe Krohn

The Cube in Eschborn

© Dörthe Krohn

The Cube in Eschborn

© Dörthe Krohn

Tanz auf dem Börsenplatz, im Hintergrund die Frankfurter Börse

© Dörthe Krohn

Sowohl die Deutsche Börse als auch die NASDAQ (National Association of Securities Dealers Automated Quotations) - die größte elektronische Börse in den USA, möchte die NYSE Euronext übernehmen. Die NYSE Euronext selbst ist bereits 2007 aus einer Fusion der europäischen Börse Euronext (Zusammenschluss einzelner europäischer Börsen: Amsterdam, Brüssel, Paris, Lissabon und Londoner Terminbörse) mit der größten Wertpapierbörse der Welt, der „Wall Street“ bzw. New York Stock Exchange (NYSE), hervorgegangen. Es entstand der erste transatlantische Börsenbetreiber in der Geschichte, eben die NYSE Euronext. Die Toronter Börse TMX liebäugelt hingegen mit der London Stock Exchange (LSE) und so ist augenblicklich einiges in Bewegung auf den Marktplätzen für Wertpapiere aller Art. 

Deutsche Börse - AG mit hoheitlichen Aufgaben

Seit November 2010 befindet sich die Konzernzentrale der Deutschen Börse in Eschborn. Damit spart sie, die selbst zu den Top 30-DAX-Unternehmen sowie zu dem wichtigsten europäischen Leitindex EuroStoxx50 gehört, vor allem Gewerbesteuern und, laut Angaben der Deutsche Börse AG, Gebäudekosten. Der Neubau namens „The Cube“, der über ein eigenes Biogas-Blockheizkraftwerk verfügt, ist zunächst für 15 Jahre angemietet worden. Der Frankfurter Handelssaal bleibt jedoch durch die dortige Präsenz von Xetra-Spezialistinnen und -Spezialisten erhalten.

Keine TV-Nachrichten ohne Live-Schaltung zum Frankfurter Parketthandel in den großen Handelssaal am Frankfurter Börsenplatz

Hier schlängelt sich jeden Wochentag zwischen 9 und 18 Uhr die Dax-Kurve des Frankfurter Parketthandels auf der bekannten Tafel entlang. Auch wenn der Handel ab Mai komplett über Xetra (Exchange Electronic Trading), also vollelektronisch ablaufen wird, soll der vertraute Blick auf die weißen kreisrunden Schranken im Handelssaal erhalten bleiben; dort halten diverse Nachrichtensender ihre Kameras einsatzbereit.

Geld vermehren, verleihen, verlieren, sparen, spekulieren, anlegen – mit der Organisation von Geldflüssen beschäftigt sich die Deutsche Börse bereits seit 1585. Auf dem Kassamarkt liegen Order und Erfüllung zeitlich eng beieinander (Xetra und Frankfurter Parkett) im Gegensatz zum Terminmarkt, wo Verträge künftig zu erfüllender Geschäfte geschlossen werden. Marktorganisator für Terminkontake ist die Deutsche Börse-Tochter Eurex.

Das Prinzip der Börse hat sich nicht geändert, aber die Informationstechniken machen die Geldflüsse mitunter zu mitreißenden Strömen. War man vorher fasziniert vom hektischen Treiben im Handelssaal, in dem sich Brokerinnen und Broker Zahlen zuriefen, wild durcheinander gewirbelte Papiere Böden zudeckten und vom Gedränge um Anzeigentafeln und Telefone, so geht es heute zumindest dem äußeren Anschein nach geradezu gemächlich zu. Vollelektronische und standortunabhängige Handelssysteme haben den Handel einerseits beschleunigt und vereinfacht, andererseits braucht es immer mehr Know-how und Sachverstand, um das Börsengeschehen, konjunkturelle und politische Entwicklungen sowie die Informationsfluten der Unternehmen aufnehmen, bewerten und schließlich erfolgreiche Handelsentscheidungen treffen zu können.

Rund 400.000 Produkte bzw. Finanzinstrumente werden an der Deutschen Börse gehandelt. Die Aktien von über 10.000 Unternehmen aus mehr als 70 Ländern sind an der Frankfurter Börse notiert. Dazu Anleihen (Bonds), Pfandbriefe, Indexfonds, (Rohstoff-) Wertpapiere, Schuldverschreibungen, Publikumsfonds, Zertifikate, Optionsscheine… .

Aktienhandel an der Deutschen Börse

Bei einer Aktiengesellschaft, sie ist eine Kapitalgesellschaft und eine Körperschaft, ist das Grundkapital des Unternehmens in Aktien zerlegt, d.h. Aktionärinnen und Aktionäre haben durch den Erwerb von Aktien ihr Kapital in das Unternehmen investiert. Sie setzen darauf, dass das Unternehmen Gewinn erwirtschaftet und seine Überschüsse anteilig an die AktionärInnen ausschüttet. Die Aktien einer AG müssen nicht an der Börse gehandelt werden. Wenn sich eine AG zu einem Börsengang entschließt, beispielsweise um Eigenkapital zu beschaffen, unterbreitet sie in einem öffentlichen Angebot (IPO=Initial Public Offering) den Ausgabepreis je Aktie. Vor allem die Entwicklung multinationaler, umsatzstarker Konzerne ist auch ein Stimmungsbarometer für die heimische und europäische Wirtschaft.

Der wichtigste Wert an der Deutschen Börse ist der DAX. Dreiviertel ihres Umsatzes macht die Deutsche Börse AG mit den Aktien der 30 darin geführten Unternehmen: Adidas, Allianz (auch EuroStoxx50), BASF(auch EuroStoxx50), Bayer(auch EuroStoxx50), Beiersdorf, BMW (auch EuroStoxx50), Commerzbank, Daimler (auch EuroStoxx50), Deutsche Bank (auch EuroStoxx50), Deutsche Börse (auch EuroStoxx50), Lufthansa, Deutsche Post, Deutsche Telekom (auch EuroStoxx50), E.ON (auch EuroStoxx50), Fresenius, Fresenius Medical Care, Heidelberg Cement, Henkel, Infineon, K+S, Linde, MAN, Merck, Linde Munich Re (auch EuroStoxx50), Metro, RWE (auch EuroStoxx50), SAP (auch EuroStoxx50), Siemens (auch EuroStoxx50), ThyssenKrupp und Volkswagen.

Im MDAX befinden sich die 50 wichtigsten Werte nach den DAX-Werten: Aareal Bank, Axel Springer, BayWa, Bilfinger Berger, Brenntag, Celesio, Continental, Demag Cranes, Deutsche Euroshop, Deutsche Wohnen, Douglas Holding, EADS, ElringKlinger, Fielmann, Fraport, Fuchs Petrolub, Gagfah (Wohnimmobilien), GEA Group, Gerresheimer, Gildemeister,  Hannover Rück, Heidelberger Druckmaschinen, HHLA (Hamburger Hafen und Logistik), Hochtief, Hugo Boss, IVG Immobilien, Kabel Deutschland, Klöckner & Co., Krones, Lanxess, Leoni, MTU Aero Engines, Aurubis, Praktiker Holding, ProSieben Sat.1, Puma, Rational, Rheinmetall, Rhön-Klinikum, Salzgitter, SGL Carbon, Sky Deutschland, Stada Arzneimittel, Südzucker, Symrise, Tognum, TUI, Vossloh, Wacker Chemie und Wincor Nixdorf.

Mitglieder des ÖkoDAX sind: centrotherm photovoltaics, Conergy, CropEnergies,  Nordex, Phönix Solar, PNE Wind, Q-Cells, Roth & Rau, SMA Solar Technology und Solarworld. Ebenfalls Unternehmen regenerativer Energien, deren Anleihen noch bis 23. Mai 2011 auf dem Parkett (skontroführerbasierter Präsenzhandel) und danach ausschließlich im Xetra gehandelt werden, aber die nicht oder nicht mehr im 2007 von der Deutschen Börse kreierten Index ÖkoDAX vertreten sind: REpower Systems, Solon und Verbio. Seit Fukushima und der AKW-Wende der Bundesregierung gehen die Kurse für Solar- und Windenergie tendenziell wieder nach oben (28.3.11 um 8,1,%).

Auch Privatpersonen können an der Börse Handel treiben, spekulieren, gewinnen und verlieren. Dazu muss man zunächst bei einem/einer Discount-Broker/in oder bei einer Bank ein virtuelles Depot eröffnen, das die Wertpapiere aufnehmen kann. Ganz wichtig ist hierbei, dass man die Depot-Gebühren, Transaktionskosten und Berechnungen für Teilausführungen genau studiert und vergleicht. Danach muss man sich durch den Informationsdschungel kämpfen, Bilanzen der Unternehmen anschauen, ihren Cash-Flow, ihre Gewinne und Verluste, aber auch soziale, ethische und ökologische Fragen können bei der Investition und Renditeabwägung eine Rolle spielen. 

Kritische Aktionärinnen und Aktionäre beobachten seit 25 Jahren das unternehmerische Treiben der Aktiengesellschaften, informieren AktionärInnen sowie die Öffentlichkeit und versuchen über die Hauptversammlungen Einfluss auf Konzernentscheidungen zu nehmen. Die „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ beispielsweise mobilisiert aktuell für die am 29. April stattfindende Hauptversammlung. Die kritischen Aktionärinnen und Aktionäre fordern, weder den Vorstand noch den Aufsichtsrat zu entlasten, da erster für massive ökologische und soziale Probleme verantwortlich sei und zweiter seine Kontrollfunktion ungenügend wahrnehme. Außerdem wird in einem Gegenantrag darauf hingewiesen, dass die von BAYER hergestellten Pestizide Imidacloprid und Clothianidin für das Bienensterben in aller Welt mitverantwortlich seien.

Insbesondere KleinaktionärInnen erwarten von den Unternehmen mehr als schnelle Profitmaximierung. Eine nachhaltige Geschäftspolitik dient auf lange Sicht den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, dem Management, der Umwelt und den Aktionärinnen und Aktionären. Viele Konzerne versuchen aber immer noch, mit „Greenwashing“ ihr Image aufzupolieren. Elektroautos mit Atomstrom zu betanken, sowas geht eben gar nicht.

Wenn man sich durch den Informationsdschungel eine Schneise geschlagen hat, eine Anlagestrategie entwickelt (auch auf der Seite boerse-frankfurt.de gibt es dazu Tipps) und beispielsweise ein individuelles Aktienpaket geschnürt werden soll, das eine Dividende verspricht, die den Sommerurlaub finanziert, kommt die Deutsche Börse-Tochter  Clearstream International mit ins Boot, Europas größter Nachhandelsdienst für Aktien und Anleihen. Sie wickelt die Transaktionen zwischen den handelnden Parteien ab. In den Depots von Clearstream liegen insgesamt Werte in Höhe von etwa 11 Billionen Euro. 

Fusionsverhandlungen

Im Februar dieses Jahres hatten die Deutsche Börse AG und die NYSE Euronext bekanntgegeben, dass ihre jeweiligen Aufsichtsräte dem transatlantischen Börsenzusammenschluss zugestimmt haben. KritikerInnen befürchten, dass die Großbörse über kurz oder lang überwiegend in amerikanischer Hand liegen und der Finanzstandort Deutschland sich negativ entwickeln könnte. Anfang April legte die Nasdaq ebenfalls der NYSE Euronext ein Angebot vor und fuhr der Deutschen Börse erst einmal in die Parade. Die Deutsche Börse AG teilte auf das Konkurrenzangebot der Nasdaq mit, dass sie weiterhin der festen Überzeugung sei, dass der angekündigte Zusammenschluss von Deutsche Börse AG und NYSE Euronext die bestmögliche Kombination für die jeweiligen Aktionäre und die Stakeholder der beiden Unternehmen darstellen würde. Die NYSE Euronext wird an diesem Wochenende das Übernahmeangebot prüfen, aber voraussichtlich ihrerseits der Nasdaq kein Gegenangebot unterbreiten, denn sie ist der Auffassung, dass eine Fusion mit der Nasdaq „unüberwindbare kartellrechtliche Probleme" mit sich bringen würde. KritikerInnen dieser Fusionsvariante dürfte das wiederum erleichtern, denn bei einem Zusammenschluss der beiden größten us-amerikanischen Börsenbetreiber würde aus einem Quasi-Duopol ein Monopol werden.

Wenn die Deutsche Börse mit der NYSE Euronext zusammenkommt, sollen die Aktionärinnen und Aktionäre der Deutschen Börse AG planmäßig 60% an dem künftigen Gemeinschaftsunternehmen bekommen. Der Aktienhandel der fusionierten Börsen soll allerdings von New York aus gesteuert werden. Bedeutet dies das Ende des Xetra-Handelssystems? Außerdem werden auf beiden Seiten des Atlantiks Stellenstreichungen befürchtet.

Besuch der Deutschen Börse

Kostenlos Infobroschüren bestellen, z.B. „Börse von A bis Z“

Text: Dörthe Krohn

Weiterlesen:

Wie funktionieren Aktien, Anleihen & Co.? von Margret Trimborn

Ökonomisch investieren – geht das? von Margret Trimborn

Sinneswandel bei den Bankern? von Margret Trimborn

Technologiewerte und die Börsen, von Margret Trimborn

Stresstests für Banken, von Margret Trimborn


Anzeigen

Wenn Ihnen die reinMein gefällt, bitte weitererzählen... 

reinMein-Twitter

reinMein-Facebook