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16.02.2011 00:00 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Inklusive Bildung mitgestalten


Plakataktion der "Aktion Mensch"

Die Diskussion geht weiter: Ist Inklusion Realität? Am 15. März 2011 um 19.30 Uhr in der Orangerie des Günthersburg-Parks, Comenuisstr. 39 im Frankfurter Nordend mit Sibylle Hausmanns von der LAG Hessen gemeinsam leben gemeinsam lernen, Dr. Rosa Anna Ferdigg (ehem. Inspektorin für Integration, Dt. Schulamt, Bozen), Hella Lopez (Vorsitzende elternbund hessen), Dr. Brigitte Schumann (Bildungsjournalistin, Nordrhein-Westfalen), Siegrid Trommershäuser (GGG Hessen, Pro IGS Frankfurt) und Petra Diebold (Journalistin) als Moderatorin.

Artikel der Ausgabe 7/2010 "Lebenslanges Lernen"

Mit dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde die "inklusive Bildung" verpflichtend und die Kultusministerien müssen sich der Aufgabe stellen. Seit dem 26. März 2009 sind nun gemeinsame Lernorte für alle Kinder zu schaffen. "Inklusion" wird als das Recht aller Schülerinnen und Schüler verstanden, unabhängig von ihren Talenten und Fähigkeiten, ihrer ethischen, kulturellen oder sozialen Herkunft, ihrem Geschlecht und eben unabhängig von körperlichen oder geistigen Behinderungen gemeinsam in einer Schule zu lernen. In diesem Beitrag liegt der Fokus auf dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Handicap.

Praktizierte Integration - ein Themenanriss

Die Verwirklichung des Rechts auf gemeinsames Lernen aller Kinder ist vor allem eine qualitative Aufgabe. Aus Erzählungen von Eltern mit behinderten Kindern geht hervor, dass das Gelingen gemeinsamen Unterrichts (GU) gegenwärtig meist vom einzelnen Engagement der zuständigen Lehrerinnen und Lehrer abhängt. Es gibt sicherlich zahlreiche erfreuliche Beispiele, aber mitunter bleibt der GU nur ein Label und die Versuche, das Kind mit Handicap im Klassenverband zu integrieren, sind verhalten. Man möchte nicht die "Regelkinder" mit der Integration beauftragen und sie nicht so direkt auffordern, sich um ihre/n Mitschüler/in zu bemühen. "Warum eigentlich nicht"?, fragen sich Eltern behinderter Kinder, denn aufeinander zu achten und sich um andere zu kümmern (das gilt umgekehrt auch für das Kind mit Handicap, das ebenfalls eine soziale Verantwortung gegenüber den anderen MitschülerInnen hat) ist eine wertvolle Kompetenz.

Nicht immer scheinen einzelne Lehrerinnen und Lehrer zu wissen, was sie beispielsweise mit einen Kind im Rollstuhl anfangen sollen. Wie können wir gemeinsam Sport machen, wie planen wir Ausflüge, an denen alle teilnehmen können?  Diese Fragen werden nicht immer gestellt oder nicht immer beantwortet. Dabei gibt es Pädagoginnen und Pädagogen, die tolle Integrations-Ideen umsetzen. Gemeinsamer Unterricht muss nicht perfekt sein, alle können gemeinsam daran wachsen. Aber mehr als ein institutionelles Statut und den Wunsch und Willen bedarf es schon. 

Die allgemeine Erfahrung ist, dass die Integration vor allem mit dem Einsetzen der Pubertät an ihre Grenzen stößt. Kinder mit Behinderungen, die in der Grundschule noch gut integriert waren, sind plötzlich ohne aktive Freundschaften, bleiben weitgehend isoliert. Das schulische Lernen interessiert und verbindet die Jugendlichen in dieser Zeit nur ganz am Rande. Andere Themen rücken in den Vordergrund: Wer bin ich, was kann ich? Gemeinsame außerschulische Unternehmungen: tanzen, shoppen, Kino- oder Konzertbesuche - Fehlanzeige. Dabei stellen die Treppenstufen zum Partykeller im Haus des gehenden Freundes das am geringsten zu überwindende Hindernis dar.

Manches Kind mit Behinderungen wechselt in dieser Zeit von der weiterführenden Schule in eine Förderschule. Dieser Wechsel findet nicht unbedingt deshalb statt, weil sich Eltern die Förderschule als Schulform für ihr Kind wünschen, sondern weil die Integration an einer Regelschule scheitert. Neben der individuellen Auseinandersetzung mit den Veränderungen jeder/jedes Einzelnen in der Adoleszenz, erschwert das mehrgliedrige Bildungssystem die Integration. Beispielsweise: Schulwechsel nach Klasse 4 bedeutet für Kinder mit Förderbedarf häufig, dass sie von wohnortnahen Grundschulen auf entferntere weiterführende Schulen mit GU wechseln. Oft gehen sie diesen Schritt notgedrungen ohne Begleitung bisheriger MitschülerInnen. In Kindergarten und Grundschule gewachsene Freundschaften bleiben zurück. In der neuen Schule müssen neue Freundschaften aufgebaut werden, müssen die Behinderung und die damit verbundenen Umstände von Kind und Eltern erneut erklärt werden.

Vom Recht auf gemeinsame Bildung zur gemeinschaftlichen Verwirklichung

Konsequenterweise bedeutet Inklusion, dass alle, wirklich alle Kinder, auch mehrfachbehinderte Kinder mit Pflegebedarf, ihren Platz in der allgemeinen Schule finden. Die UN-Konvention spricht von der Gewährleistung eines inklusiven Bildungssystems auf allen Ebenen und lebenslangem Lernen. Pädagoginnen und Pädagogen unterschiedlicher Denkrichtungen tauschen Argumente aus, ob die Förderschulen nun abzuschaffen seien oder nicht. 
Es gibt Kinder, die in Förderschulen unterfordert und unglücklich sind, ebenso wie Kinder mit Behinderungen im Gemeinsamen Unterricht, die sich einem Anpassungsdruck ausgesetzt fühlen. Sie leben mit dem Stigma, eines/einer "Integrationsschüler/in" und müssen sich zugleich glücklich schätzen, denn derzeit finden bundesweit nur etwa 16% der Kinder mit Förderbescheinigung einen Platz in einer Regelschule. Es findet sich sowohl in Förderschulen als auch im GU eine Bandbreite von sehr hoher bis zu unzureichender pädagogischer Qualität, die zu den unterschiedlichen Erfahrungen in Förderschulen, Regelschulen, aber auch alternativen Schulkonzepten führen.

Bisher waren die Bemühungen vieler Eltern von Kindern mit Förderbedarf darauf ausgerichtet, ein Wahlrecht zu haben, ob ihr Kind in einer allgemeinen oder in einer Förderschule unterrichtet wird. Gibt es nämlich keinen Integrationsplatz im Gemeinsamen Unterricht, sind Kinder mit Assistenz- und Förderbedarf in Hessen beispielsweise gezwungen in Förderschulen zu gehen, das gilt insbesondere ab der Beschulung in der weiterführenden Schule. Die Konvention sieht hingegen kein Elternwahlrecht vor, weil sie ein inklusives Bildungssystem fordert. Die Aufrechterhaltung von Förderschulen hierzulande ist in Frage gestellt und das Recht eines Kindes mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf den Besuch einer allgemeinen Schule ist einklagbar geworden. 

Es müssen im allgemeinen Schulsystem "angemessene Vorkehrungen" für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden, das sind "notwendige und geeignete Anpassungen, die keine unverhältnismäßige oder unbillige Belastung darstellen". Hieraus ergibt sich ein weiteres Diskussionsfeld, denn in Zeiten leerer Kassen ist die eine oder andere Landesregierung geneigt, einen Ressourcenvorbehalt ins Schulgesetz zu schreiben.

Die Länder sind aber aufgefordert, und die Kultusministerkonferenz tagte dazu am 21. und 22. Juni, die Bestimmungen der Vereinten Nationen in den Schulgesetzen umzusetzen. Einige Bundesländer haben bereits neue Gesetzte verfasst, z.B. Bremen und Hamburg.

Damit alle Beteiligten: Kinder mit und ohne Handicap, alle Eltern, diejenigen mit und diejenigen ohne Förderbedarfskinder, Förderschul- und RegelschullehrerInnen, sich eine Schule für alle aber überhaupt vorstellen können und dem Prozess des Umdenkens und tatsächlichen Umbaus der Schulen auch folgen und ihn unterstützen können, bedarf es neben der rechtlichen Grundsteinlegung vor allem eine Idee davon, was "Inklusive Bildung" eigentlich genau bedeutet und wie sie konkret stattfinden könnte.
Die Erfahrungen jedes Einzelnen zählen und sind ernst zu nehmen. Hier beginnt "Inklusion". Einzelfälle anzuführen, um für oder gegen das eine oder andere pädagogische Konzept zu argumentieren, hilft wenig weiter. Die Inklusion kommt - früher oder später. Die Erfahrungen Einzelner sind ein wertvoller Beitrag, um zu ermitteln, wie eine inklusive Schule ausgestattet sein müsste. Einzelne Schulmodelle mit individualisiertem Unterricht können ihre Kenntnisse einbringen, z.B. die Sophie-Scholl-Schule in Gießen.

Manche Eltern fürchten einen allgemeinen Leistungsabfall an den Regelschulen, wenn Kinder mit speziellen Bedürfnissen in die Regelklassen aufgenommen werden. "Inklusion" darf nicht halbherzig, unvollständig, letztlich nur eine quantitative Ausweitung des bisherigen Angebots sein. Alle Kinder und Eltern sitzen in ein- und demselben Boot. Diejenigen, deren Kinder behinderungsbedingt mehr Förderung und ggf. fachliche Pflege benötigen ebenso wie diejenigen, die Angst davor haben, dass ihr "Regelkind" nicht zu ihrem/seinem Recht kommen könnte.

"Inklusion" setzt das Miteinander aller - Kinder, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie beteiligter Institutionen, voraus und das gegenseitige Anerkennen unterschiedlicher Erfahrungen. Wie müsste eine Schule ausgestattet sein, wie müsste eine Schule organisiert sein, um "inklusives" Leben und Lernen stattfinden zu lassen?  Räume, in denen pflegebedürftige Kinder versorgt werden können, Kooperationen mit mobilen Pflegediensten und Therapieeinrichtungen, insgesamt eine entsprechend geschulte Lehrerschaft etc. 

Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Gedanken über "Integration" oder "Inklusion" und Ihre Vorschläge für konkrete Maßnahmen zur Umsetzung einer Schule für alle Kinder im reinMein-Blog.

Für alle SchülerInnen und Eltern gibt es Informationen und Unterstützung von den Landesarbeitsgemeinschaften Gemeinsam leben - gemeinsam lernen e.V.

http://www.gemeinsamleben-hessen.de

http://www.gemeinsamleben-hessen.de/http://www.gemeinsamleben-rheinlandpfalz.de

http://www.integration-bayern.de
http://www.lag-bw.de

Text: Dörthe Krohn

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