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23.04.2014 13:34 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Handicap und eigenes Auto

Feiern mit Freundinnen und Freunden außer Haus, Theater, Kino, Konzerte, Ausflüge in die Natur, Einkäufe erledigen oder Familienfeste besuchen - Menschen mit Handicap erreichen Orte mitunter ausschließlich in behindertengerechten Fahrzeugen. Sonderfahrdienst oder Taxi sind eingeschränkt nutzbar, die Öffentlichen nur teilweise. Ein eigener, individuell angepasster PKW würde das Leben von Menschen mit Handicap erheblich erleichtern und sie vor sozialer Isolation bewahren. Doch behindertengerechte Fahrzeuge sind teuer.


Foto: Dörthe Krohn

Das Bewusstsein und die Bemühungen, öffentliche Plätze, Gebäude und den Nahverkehr barrierefrei zu gestalten, sind in den letzten Jahren gewachsen. Neben einzelner Fehlplanungen und Bausünden ist viel Gutes passiert. Die persönliche Mobilität von Menschen mit Behinderung ist jedoch lange noch nicht erreicht. Wie kann ein Rollstuhlfahrer fortkommen, wenn er beim nächstgelegenen S-Bahnhof ausschließlich über lange Treppen zu den Bahnsteigen gelangen kann? In ein normales Taxi passt kein Elektrorollstuhl rein und jedes Mal einen Fahrdienst zu organisieren, ist eine Barriere anderer Art.

In Artikel 20 der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 heißt es, dass wirksame Maßnahmen getroffen werden müssen, um für Menschen mit Behinderungen persönliche Mobilität mit größtmöglicher Unabhängigkeit sicherzustellen. Darüber hinaus soll sie zu erschwinglichen Kosten erleichtert werden. Die „Verordnung über Kraftfahrzeughilfe zur beruflichen Rehabilitation“, die die staatlichen Leistungen beim PKW- und Führerscheinerwerb regelt, bezieht sich, wie der Titel bereits sagt, auf Menschen mit Handicap, die dauerhaft einen Beruf ausüben oder in einer Ausbildung sind. Menschen mit Behinderung ohne Job, in befristeten Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnissen oder Eltern behinderter Kinder und Jugendlicher erhalten hingegen kaum staatliche Unterstützung, wenn es um die Erhaltung oder Erlangung von Mobilität geht. Die volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft ist somit für einen großen Personenkreis nur bedingt möglich.  

Die Kosten für einen großräumigen, rollstuhlgerechten PKW mit Spezialausstattung, etwa mit Verladeplattform, Umsetzhilfe oder Bedienelementen am Lenkrad, übersteigen schnell die finanziellen Möglichkeiten eines Privathaushalts. Doch Arzt- und Klinikbesuche, Fahrten zu Therapien, Reha-Fachhandel, Apotheke, Behörden, aber eben auch zu Freizeiteinrichtungen, Freund_innen oder Ausflüge und Familienbesuche – ohne eigenes Auto kaum möglich.  

Der Verein „Mobil mit Behinderung“ (MMB) hat sich der Problematik angenommen:
Der „Verein zur Unterstützung behinderter Menschen zum Erreichen oder Erhalt der individuellen Mobilität“ - MMB, berät erfahren und sachkompetent bei allen Fragen rund um den eigenen PKW, z.B. Finanzierungsmöglichkeiten und Zuschüsse bei der Anschaffung eines behindertengerechten Fahrzeugs oder Umbaus oder Erlangen des Führerscheins bei körperlichen Einschränkungen. Der Verein sorgt auch dafür, dass die Interessen von Menschen mit Behinderung politisch Gehör finden. Gemeinsam mit zahlreichen Organisationen, Verbänden und Privatpersonen setzt sich der MMB für ein Gesetz zur Sozialen Teilhabe (GST) ein, damit das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben innerhalb der Gemeinschaft, wie es die UN-Behindertenkonvention vorsieht, eingelöst wird.

Der MMB hat unter anderem detailliert ausgearbeitet, wie Menschen mit Handicap versuchen können, Stiftungsgelder für die Finanzierung ihres PKWs zu erhalten und stellt seinen Mitgliedern individuelle Tipps, Musterschreiben und Adressen zur Verfügung.


Stiftungsfinanzierter PKW

Manche Stiftungen geben Teilbeträge zu einem behindertengerechten PKW dazu und ermöglichen so eine Gesamtfinanzierung. Dazu müssen zahlreiche Stiftungen mit diversen persönlichen Unterlagen (Offenlegung des Einkommens und Vermögens, Arztbericht, Sozialbericht etc.) angeschrieben werden. Wenn nicht gleich eine Absage kommt, senden die Stiftungen gerne ihre eigenen Antragsformulare zurück, die dann zusätzlich auszufüllen sind. Die geforderten Auskünfte reichen bis zur Einreichung von Kontoauszügen im Original. Es ist verständlich, dass sich die Stiftungen vor Missbrauch schützen und dass sie ihre Stiftungsgelder sinnvoll verwendet wissen wollen, doch die Position des Bittstellenden ohne ein Recht auf Hilfe muss man aushalten können.

Gründe für Absagen sind Stiftungssatzungen, die eine Beteiligung ausschließen. Beispiele: Ausschließliche Unterstützung bestimmter Behinderungen, nur Unterstützung von Rollstuhlfahrer_innen bei ihrer Wiedereingliederung, nur Hilfe für Minderjährige oder Jugendliche oder/und nur Förderung von Menschen in einer bestimmten Region. Oder die Stiftungen verfügen selbst über zu wenige bis gar keine finanziellen Mittel.

Zusagen sind in der Regel unterschiedlich befristet, d.h. es gibt einen Zeitpunkt, an dem die erste Zusage nicht mehr verbindlich ist und bis zu dem die komplette Finanzierung stehen muss. Ferner gibt es diverse Stiftungsvorgaben, die unter eine Motorhaube gebracht werden müssen. Wenn beispielsweise ein Gebrauchtwagen beantragt wurde, weil die Erreichung dieses Ziels realistischer ist als ein Neuwagen, will sich vielleicht eine Stiftung an einem Auto beteiligen, das nicht älter als fünf Jahre ist und nicht mehr als 70.000 Kilometer auf dem Zähler hat. Eine andere hingegen fördert nur ein Auto unter drei Jahren mit maximal 50.000 Kilometern. Für eine weitere kommt wiederum der Kauf von einer Privatperson nicht in Frage. Dann muss ein Gebrauchtwagenhandel aufgetan werden, der sich auf die Bezahlung in mehreren Teilbeträgen einlässt. Einige Stiftungen nutzen zwar das Spendenkonto des MMB, mache wollen aber lieber direkt an das Autohaus zahlen.
Schließlich muss ein „normaler“ großräumiger Gebrauchtwagen dann noch in eine Fachfirma zum behindertengerechten Umbau. Gegebenenfalls zahlt das dann die Eingliederungshilfe.

Das alles zieht sich meist über Monate hin. Was machen Menschen mit Handicap oder Eltern behinderter Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, einen solchen Aufwand zu betreiben? Bei allem Dank an die Stifter_innen, aber ist es gesellschaftlich wünschenswert, dass Menschen, die aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen auf ein Fahrzeug mit individuell angepasster Ausstattung angewiesen sind, auf die freiwilligen Leistungen von Stiftungen hoffen müssen?


Mobilität für Menschen mit Behinderung als solidarisches Projekt?

Sozialämter und Krankenkassen finden ihre Ablehnungsgründe mühelos, wenn es um ein Auto für Menschen mit Handicap ohne Berufsaussichten oder Familien mit behinderten Angehörigen geht. Manche Autohersteller und Autohäuser geben Menschen mit Behinderung bei einem nachgewiesenen Mindestbehinderungsgrad Rabatte beim Neuwagenkauf. Das ist gut so, aber meist auch noch nicht die Lösung.

Die Situation verbessern könnte der „Mobilitätseuro“, eine Initiative des MMB und der IDM-Stiftung. Wenn bei jedem Neuwagenverkauf nur ein Euro gespendet worden wäre hätten beispielsweise im vergangenen Jahr entsprechend der KFZ-Neuzulassungen 2,95 Millionen Euro für die Anschaffung behindertengerechter Fahrzeuge zur Verfügung gestanden.

Doch niemand braucht zu warten, bis sich diese oder eine andere Initiative durchsetzt. Der MMB nimmt jederzeit Spenden entgegen, um Menschen mit Handicap in Sachen eigener PKW und Umrüstung zu unterstützen.

(reinMein/dok)

Links
Verein „Mobil mit Behinderung“: www.mobil-mit-behinderung.de

UN-Behindertenkonvention: http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/PDF-Dateien/Pakte_Konventionen/CRPD_behindertenrechtskonvention/crpd_b_de.pdf

Verordnung über Kraftfahrzeughilfe zur beruflichen Rehabilitation: http://www.gesetze-im-internet.de/kfzhv/

 

 


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