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01.05.2012 00:00 Alter: 7 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Gedanken über Arbeit


© Dörthe Krohn

Wie kann Arbeit so gestaltet werden, dass sie individuell gut organisierbar und sinnstiftend ist? Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten und welche unternehmerischen Werte treten in den Vordergrund/ müssen zukünftig in den Vordergrund treten? Diese sind zentrale Fragen unserer Zeit. Inwieweit arbeiten heute noch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer „entfremdet“? Karl Marx hat den Begriff entfremdete oder auch entäußerte Arbeit in Zusammenhang mit seiner Kapitalismuskritik geprägt. Damit ist im Wesentlichen gemeint, dass Arbeitende das Produkt, das sie schaffen, nicht besitzen. Der Produktionsprozess kann darüber hinaus nicht selbst bestimmt werden, sondern zugewiesene Aufgaben werden in einem fremdbestimmten Rhythmus erledigt, ohne Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse der/des Tätigen. Die persönliche Verausgabung für die Arbeit gehört dem/der Arbeitgeber/in. Es gibt wenig Zeit, sich in der Gesellschaft und Umwelt frei und bewusst zu verorten, einen eigenen Standpunkt einzunehmen und letztlich führt dann die entfremdete Arbeit zur Entfremdung von sich selbst. Die Arbeit hat nichts mit einer/einem selbst zu tun.

Der Arbeitsmarkt ist im Wandel, Globalisierung, Finanzkrise und Klimawandel machen unternehmerisches Umdenken dringend notwendig. Fachkräfte fehlen, die einen schrubben Überstunden bis kurz vorm Umfallen, andere haben gar keine Arbeit, wir werden (müssen/sollen/wollen) insgesamt länger arbeiten. Auch dafür lohnt es sich, gesund zu bleiben. Ausgebrannte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben lange Zeit nicht für das eigene Wohlbefinden gesorgt/sorgen können. Zwar treten die modernen Angestellten in Anzug und Kostüm, noch moderner in stilvoll legerer Freizeitkleidung zur Büroschicht an und nicht mehr in Lumpen am Fließband, doch wie steht es heute um den Sinn der Arbeit? Und nicht zuletzt um die Bezahlung dieser, denn die Erträge aus der Arbeitsleistung reichen oftmals nicht für mehr als die Sicherung der Existenz (und das nicht einmal). Dem gegenüber stehen Männer, die Millionen verdienen, weil sie einem Ball hinterherlaufen und exorbitant bezahlte Manager von Unternehmen, die ihre Verantwortung gegenüber ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und der Gesellschaft nicht wahrnehmen. Natürlich nicht alle.

Wann ist Arbeit heute „entfremdet“ oder wann gehört eine Tätigkeit zu einer/einem selbst? Muss eine Arbeit unbedingt Spaß machen und einer/einem mehr geben als Geld? Ein zeitlich befristeter Job kann auch mal öde oder uninteressant sein (Es sei denn, man steht auf dem Standpunkt: Ich habe nur dieses eine Leben und jeden Tag will ich genießen, als sei es mein letzter), aber langfristig muss eine Arbeit doch Sinnerfüllung leisten. Das kann sie auf verschiedene Weise:

A: Die Arbeitsinhalte sind interessant. Im Idealfall kann man mit genau der Arbeit sein Geld verdienen, für die man sich ausgebildet hat oder die einer/einem wie ein Hobby vorkommt, weil sie Freude macht und das eigene Leben (vielleicht zudem auch noch die Leben anderer) bereichert. Das Gefühl, auf dem richtigen Posten zu sitzen, sich in die Arbeit aus persönlichem Interesse vertiefen, weiter- und fortbilden zu wollen, individuelle Ziele stecken und erreichen zu können, von einem Thema ergriffen zu sein… wow. Sicher gibt es Menschen, die diesen Anspruch nicht an eine Erwerbstätigkeit stellen, die andere Prioritäten setzen. Alles ist gut, solange du zufrieden bist.

B: Sie bringt Anerkennung. Man macht eine Arbeit gut und das wird auch gesehen und entsprechend kommentiert. Für manche ist dieser Aspekt allerdings völlig unerheblich, weil sie sich ausreichend selbst anerkennen. Sie brauchen zu ihrem Glück nicht, dass andere ihnen ein Lob schenken. Was wird aber als Arbeit anerkannt und in welchem Maße (Stichworte z.B.: Betreuungsgeld, gesetzlicher Mindestlohn)? Wer definiert Arbeit und wie?

C: Der Lohn/das Honorar muss angemessen sein. Für die Sinnfrage wird dieser Punkt vor allem dann brisant, wenn das Gehalt nicht ausreicht, um die eigene oder familiäre Existenz zu sichern.

D: Die sozialen Kontakte stimmen. Gerne zur Arbeit gehen, weil man die Leute mag, mit denen man zusammenarbeitet und weil man ein gutes Team ist, in dem jeder für den anderen die Kohlen aus dem Feuer holt in heißen Phasen. Ein gutes Arbeitsklima eben, das auch von Vorgesetzen mitbestimmt wird. Wenn die Chemie mit einem/einer direkten Kollegen/Kollegin nicht stimmt, wird es schon unlustig. Die krankmachenden Manipulationen sind vielseitig: Entwertungen, Ausgrenzung aus Cliquen, Desinteresse für die eigene Person, ständige Sticheleien und Seitenhiebe, Aufbau und Aufrechterhaltung von sozialen Hierarchien – Arbeit kann zur Hölle werden.

E: …

Anforderungsprofil an ein Unternehmen:
Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit, fundierte Kenntnisse und Fertigkeiten, soziale Kompetenz, hohe Loyalität, Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke, freundliches Wesen, gepflegtes Auftreten…
… Transparenz, flache Hierarchien, Mitbestimmung…
Warum gibt es immer noch so wenig Flexibilität in Bezug auf Arbeitszeiten und Arbeitsorte? Können wir es uns als Gesellschaft leisten/ können es sich Unternehmen leisten, Potenzial zu verschenken, weil Arbeit (teilweise) schlecht strukturiert und organisiert ist? Möchte man das persönlich hinnehmen?

Mehr Anregungen, über Arbeit zu reflektieren, kann man sich ab heute in der Ausstellung „Was tun? Über den Sinn menschlicher Arbeit“ holen, die am Abend des 1. Mai im Frankfurter Senckenberg Naturmuseum eröffnet wird: www.wastun.senckenberg.de.

Auszug aus dem Ankündigungstext: "Was tun? In dem Wissen, dass einfache Antworten nicht zu haben sind und Arbeit kein ein für alle Mal fest stehender Begriff ist, stellt die Ausstellung in fünf Rauminstallationen grundsätzliche Fragen an unser heutiges Bild der Arbeit. Ist sie das, wofür man bezahlt wird? Würde man auch arbeiten, wenn man nicht müsste? Welchem Zweck dient Arbeit und wer definiert das? Arbeitet eigentlich ein Tier? Wie entwickelt sich die individuelle Haltung zur Arbeit in Kindheit und Schule? Welche Bedeutung hat Arbeit jenseits von Macht, Geld und Anerkennung? Welche Optionen bestehen für die Arbeitswelt von morgen?“

Text: Dörthe Krohn

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