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24.05.2014 16:46 Alter: 3 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Experten-Slam über den toten Körper


Foto: Dörthe Krohn

Es gibt Menschen, die sich von Berufs wegen mit dem Tod beschäftigen: Bestatter_innen, Einbalsamierer_innen, Leichendarsteller_innen, Rechtsmediziner_innen, Pfarrer_innen – und Menschen, die sich früher oder später mit ihm auseinandersetzen müssen – nämlich alle. Sehr unterhaltsam und informativ konnte man das – und die Veranstaltung war sehr gut besucht – beim Expert_innen-Slam „Kein Tod ist das Ende“, der im Rahmen der Ausstellung „Der Tod ist dein Körper“ im Frankfurter Kunstverein ausgetragen wurde. Allerdings nicht als Wettbewerb (Slam). Wäre es ein Wettstreit gewesen, hätte bereits der erste Redner, Trauerredner und Autor des „Knigge auf Friedhöfen“, Bernd Litke, gute Siegchancen gehabt. Nach dem Sterben? – „Für uns Professionelle geht es dann erst richtig los.“ Von ihm war mit wohlgesetzten Worten und Pointen zu erfahren, was aktuell in Sachen Stilfragen bei Beerdigungen los ist und ja, es gibt natürlich Leute, die Trauerfeiern live in die sozialen Netzwerke übertragen.

Was ist der tote Körper? Darüber philosophierte Dirk Preuß von der Katholischen Hochschulgemeinde. Er sieht in dem toten Körper ein Erinnerungszeichen an den verstorbenen Menschen. In den Leichnam habe sich die Geschichte der verstorbenen Person eingeschrieben, er sei ein konkretes Zeichen des einst Lebenden und weise auf ihn zurück. Der leblose Körper sei niemals nur Materie.

Und was ist die Thanatologie? Diese interdisziplinäre Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Sterben, dem Tod und Bestattungen.
Sven Baar ist Thanatologe. In England hat er die Ausbildung zum Einbalsamierer absolviert. Er möchte Angehörigen den Abschied am offenen Sarg ermöglichen, auch wenn der/die Tote aufgrund der Todesursache, z.B. Unfallopfer, besser nicht mehr anzusehen wäre. Nach der restaurativen Behandlung kann der Leichnam aufgebahrt werden ohne dass Trauernde beim bloßen Anblick einen Schock erleiden. Die Bedeutung des Abschiednehmens für die Trauerbewältigung werde unterschätzt, so Baar. Die anderen an diesem Abend auftretenden Bestatter_innen – das kann übrigens jede/r werden, eine Ausbildung ist nicht erforderlich – sehen das ähnlich. „Dem Abschied Zeit geben“ titelten Ingrid und Bernhard Laux. Deshalb planen sie drei Stunden für das Erstgespräch mit den Angehörigen ein. Wer weiß das schon: Nach einem natürlich eingetretenen Tod darf die Familie ganze 36 Stunden lang frei entscheiden, wo sich der Leichnam befinden soll. Danach muss er in die Kühlung. Mindestens 36 Stunden Zeit zum individuellen Abschied nehmen, beispielsweise beim Waschen und Ankleiden dabei zu sein.
Bestatterin und Seelsorgerin Sabine Kistner erklärte, warum Frauen gute Bestatterinnen sind. „Das können wir als Frauen gut, weil wir uns an den Rändern auskennen.“ Geburt und Sterben sind die Randbereiche des Lebens. Die Erfahrung und das Wissen darum bringen Frauen aus ihrem Leben mit.

Dass die professionell mit dem Tod beschäftigten Menschen gut auf sich selber achtgeben müssen, kann man sich denken. Sie möchten einerseits „keine Hornhaut auf der Seele“ haben. „Ich möchte berührbar sein“, sagte Sabine Kistner. Doch wichtig ist auch die Fähigkeit zur Abgrenzung. „Vom Ufer aus helfen“ nennt man das. Der wohl berührendste Beitrag des Abends kam von einer ehemaligen Krankenschwester, die erzählte, dass sie ihre Gefühle, wenn ein/e Patient/in verstarb, meist verdrängen musste. Mitgefühl war ihr wichtig in ihrem Beruf, doch Zeit zum Abschiednehmen gab es kaum.

Der Tod ist alltäglich. Die meisten Menschen nehmen ihn eher nebenbei zur Kenntnis, beispielsweise in den Nachrichten oder in Filmen. Es erwischt sowohl Helden in Actionfilmen als auch ganz normale Menschen, die Opfer eines Gewaltverbrechens werden. Meist laufen mehrere Krimis parallel auf mehreren Fernsehsendern, erhalten Kommissarinnen und Kommissare den obligatorischen Handyanruf in irgendeiner Alltagssituation und werden zu einem Tatort gerufen. Die Rechtsmedizin spielt bei der Mordaufklärung eine wesentliche Rolle. Constanze Niess ist im realen Leben Rechtsmedizinerin und rekonstruiert Gesichter von skelettierten Toten. Beim Expert_innen-Slam schilderte sie u.a. wie sie zum Okularist geht und unter hunderten Glasaugenrohlingen das passende Paar für ihre aktuelle Gesichtsweichteilrekonstruktion heraussucht. Für näher Interessierte hat sie ein Buch geschrieben. Es heißt: „Die Gesichter der Toten. Meine spannendsten Fälle aus der Rechtsmedizin“. Ebenfalls ein bisschen schaurig war der Vortrag von Kunsthistorikerin Katrin Weleda. Sie stellte Douglas Gordons künstlerische Arbeit „30 Seconds Text“ vor. 30 Sekunden brennt eine Glühbirne, 30 Sekunden braucht es, um den Text zu lesen. Darin schildert der genaue Beobachter einer Hinrichtung, wie sich ein frisch abgetrennter Kopf verhält. Auf das Rufen seines Namens sollen noch etwa 30 Sekunden lang die Augenlider des Geköpften reagiert haben.

Es hatte noch ein Zombie-Darsteller seine 5-Minuten – nicht länger als 5 Minuten sollte jede_r Slamer_in vortragen. Sängerin Julia Pellegrini interpretierte „People get ready“ von Curtis Mayfield und Komikerin Katrin Skok und Sängerin Ursula Mühlberger gaben zum Abschluss des kurzweiligen Abends eine Kostprobe aus ihren Programm „Fegt mich weg...“ zum Besten. Tja, wer die Wahl hat, hat die Qual. Wirklich eine Seebestattung in der Nordsee? Oder doch der Asche-Abwurf über einem Schweizer Gletscher?

Die Ausstellung „Der Tod ist dein Körper“ im Frankfurter Kunstverein, kuratiert von Lilian Engelmann, ist noch bis 6. Juli 2014 zu sehen. Auf dem Begleitprogramm stehen bis dahin beispielsweise noch eine Führung durch das Offenbacher Krematorium (3. Juni) und Podiumsdiskussionen.     

Alle Infos dazu: www.fkv.de

Text: Dörthe Krohn

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