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14.07.2015 06:41 Alter: 2 Monat(e)
Kategorien: Horizont, Gesellschaft

Estland bereisen – mit und ohne Handicap

Estland ist eher nicht das erste Land, das einem als barrierefreies Reiseland einfällt. Doch Estland hat sich auf den Weg gemacht, zunehmend barrierefreier zu werden und das Land hat etwas zu bieten. Man kann sich verlieben in seine wilde Natur, in die offenen Menschen und in viele entzückende Details.


In ein mit Hingabe geführtes Museum. In ein mit Leidenschaft zubereitetes Picknick aus traditionellen Speisen, bei denen man schmeckt, dass die Zutaten frisch aus dem Garten kommen. In eine Unterkunft, die man mit Astrid Lindgrens Bullerbü assoziiert. Estland ist auch nach 25 Jahren Unabhängigkeit immer noch ein Stück weit ein Land im Wandel und nicht zuletzt deshalb spannend. Es wirkt insgesamt jung und frisch; naja, es kommt wohl auch nicht von ungefähr, dass Estlands Ministerpräsident Taavi Rõivas bei Amtsantritt gerade mal 34 Jahre alt war und damit der jüngste Regierungschef der Europäischen Union. Zugleich hütet das Euro-Land seine jahrhundertealten Schätze. Zurück zur Barrierefreiheit: sie ist längst nicht perfekt, aber wer im Rollstuhl unterwegs ist, kommt zurecht.

Ein Bild, das Estland gut beschreibt: Mitten in der Pampa, genau genommen inmitten der estländischen Wildnis des Soomaa-Nationalparks auf einem alten, idyllisch gelegenen Gehöft, das nur über eine wackelige, kleine Hängebrücke erreicht werden kann, sitzt eine junge Frau auf einer Bank in der Sonne und tippt auf einem Laptop herum. Klar hat sie WLAN. Um sie herum Frühling pur: prall blühende Obstbäume, saftiges Grün, Sumpfdotterblumen fast so groß wie Ranunkeln.

Soomaa-Nationalpark

Im Soomaa-Nationalpark, den man teils auf Schotterstraßen erreicht, gibt es zwei breite Bohlenwege, die auch Rollstuhl-geeignet sind. Der „Biberpfad“ führt vom Besucherinformationszentrum am Bach entlang durch den Auwald. Der andere ist im Riisa Hochmoor verlegt. Die Farben des Hochmoores durch den einzigartigen Bewuchs und die Wasserspiegelungen sind fantastisch schön. Wer mitten hindurch will, kann eine Tour in Moorschuhen mitmachen. Außerdem lohnt sich eine Kanu-Fahrt durch die estländische Wildnis, die auch für körperlich beeinträchtigte Menschen möglich ist. Oder ein Fahrt im Einbaum, dem traditionellen Transport- und Fortbewegungsmittel, gefertigt aus dem Stamm einer Espe.
Bei der Urlaubsplanung zu beachten sind die fünf Jahreszeiten im „Land der Moore“, was Soomaa übersetzt bedeutet. Das jährlich im Frühjahr (März/April) wiederkehrende Hochwasser, das bis zu 175 Quadratkilometer der Region über Wochen überschwemmen kann, wird als fünfte Jahreszeit bezeichnet. Kanu-Fahren im späteren Frühling (Mai) hat den Vorteil, dass die Ufer-Gräser noch nicht so hochgewachsen sind. Mückenabwehrspray empfiehlt sich so gut wie immer, im Sommer ist es ein Muss.
Die Wanderwege, Picknick- und Übernachtungsplätze nutzen darf grundsätzlich jede_r. Stößt man bei einer Tour auf ein Privatgelände, findet sich meist eine Telefonnummer, unter der man sich die  Erlaubnis zum Durchwandern einholen kann.

Die Landstraßen, die zwischen Tallinn und den anderen Städten Estlands liegen, sind teils von Leichtverkehrswegen gesäumt, die sich auch gut als Handbike-Strecken eignen. Allerdings ist dieses Wegenetz bisher nicht durchgängig ausgebaut. Ein Problem stellen auch die Kreuzungen dar. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind für Rolli-nutzende eher nicht zu empfehlen. Alternativ kann man Estland mit einem Wohnmobil erkunden.    

Tallinn

Die Estinnen und Esten sind vielbeschäftigt, aber entspannt dabei, so scheint es jedenfalls. Das liegt bestimmt auch daran, dass sie viel singen. Im Zuge von Glasnost und Perestroika begann 1988 die „Singende Revolution“ des Baltikums und setzte der Loslösungsprozess der Staaten Lettland, Litauen und Estland von der Sowjetunion ein. Auf ihrem riesigen Sängerplatz in Tallinn sangen die Estinnen und Esten zum ersten Mal wieder ihre Nationalhymne, die unter den Sowjets verboten war. Eine halbe Million Menschen können auf die Sängerbühne schauen, die alle fünf Jahre von hunderten Sängergruppen bespielt wird. Das nächste große Liederfest in Tallinn findet vom 28. bis 30. Juni 2019 statt.   

Tallinn bietet Architektur vom Mittelalter über „Stalin-Barock“ bis zu modernen Glasfassaden. Fast zwei Kilometer der Verteidigungsmauer aus dem 14. Jahrhundert sind trotz der Bombardierung Tallinns während des Zweiten Weltkriegs erhalten geblieben und schützen den mittelalterlichen Charme der historischen Altstadt vor architektonischen Übergriffen jüngerer Zeit. Die Türme „Der lange Hermann“ und „Die dicke Margarethe“, das Rathaus der einstigen Hansestadt sowie viele Wohnhäuser sind aus Kalkstein gebaut, dem Nationalstein Estlands. Aber auch die Nationalbibliothek außerhalb der Altstadt, die gegen Ende der sowjetischen Besatzung von einem estnischen Architekten entworfen wurde, ist aus Kalkstein errichtet. Eine weitere Besonderheit sind die Holzhäuser, ebenfalls außerhalb der Stadtmauer, insbesondere im Viertel Kalamaja. Sie wurden überwiegend im frühen 20. Jahrhundert erbaut. Zunehmend entsteht ein Bewusstsein über den kulturellen Wert der meist nicht denkmalgeschützten Holzhäuser und bemühen sich die Eigentümerinnen und Eigentümer um ihren Erhalt. Holz wird heute als umweltfreundliches Baumaterial geschätzt. Der Verband Estnischer Holzhaushersteller wirbt auf seiner Homepage: „Ein Holzhaus aus Estland – das bedeutet Naturverbundenheit und traditionsbedingte Vertrauenswürdigkeit verbunden mit modernen Lösungen!“

Was die Barrierefreiheit betrifft, sind die gepflasterten Altstadtstraßen und die historischen Gebäude natürlich eine Herausforderung. Die Touristeninformation in der Nähe des Rathausplatzes hat eine Rampe, aber beispielsweise in die Tallinner Ratsapotheke, eine der ältesten Apotheken Europas, mit einem Rollstuhl hineinzukommen – aussichtslos. Die Kohtuotsa Vaateplatvorm auf dem Domberg, von wo aus man einen grandiosen Panoramablick auf Tallinn hat, ist wiederum mit einer Rampe versehen. In originellem Ambiente essen (allerdings ohne Rollstuhl-gerechte Sanitäreinrichtung) kann man auf dem Domberg im Café Koogel Moogel des Theaters Piip ja Tuut.
Aber auch auf den sanierten und 2012 wiedereröffneten Tallinner Fernsehturm kommen Reisende im Rollstuhl hinauf, anders als auf den Berliner „Alex“, der für Rollstuhlfahrer_innen gesperrt ist. Von dort aus kann man sich nicht nur einen hervorragenden Überblick verschaffen und bei klaren Sichtverhältnissen sogar bis zur finnischen Küste blicken, im Turmkorb befindet sich auch ein gutes Restaurant.
Das estnische Baugesetz von 2002 schreibt die Barrierefreiheit öffentlicher Gebäude, z. B. auch von Museen vor. Auch bei der Modernisierung der Tallinner Straßenbahn wurde die Barrierefreiheit berücksichtigt. Allerdings fährt sie nicht bis zum Flughafen. Was die Ausstattung der als barrierefrei gekennzeichneten Hotelzimmer angeht empfiehlt es sich, vorher genaue Details für den individuellen Bedarf nachzufragen.

Tartu

Um wieder mit dem Singen zu beginnen – das erste Sängerfest Estlands fand 1869 in Tartu statt. Die zweitgrößte Stadt Estlands wurde 1030 erstmals erwähnt und trat 1280 dem Hansebund bei. 1632 wurde die Universität gegründet, die einen weltweiten Ruf genießt. Auch Tartu hat seinen Domberg. An der Domkirche befindet sich das Museum der Universität von Tartu. In einem Aufzug von 1928 kann man die Etagen wechseln und sich dem einstigen studentischen Leben und Tartus Wissenschaftsgeschichte widmen. Hobby-Forscherinnen und Forscher begeben sich im modernen AHHAA-Science Center auf Entdeckungsreise. Hier kann man stundenlang physikalische, biologische, technische und andere Versuchsanordnungen ausprobieren und experimentieren – fast alles ohne Barrieren.
Fast das ganze Jahr über kann man sich auf diversen Festivals tummeln: Studentenfestival, Schriftsteller-Festival, Kreativ-Festival, Musik-Festival, Hansetage, Liebesfilm-Festival, Wissenschafts-Festival... „Sie müssen Kultur nicht suchen. Kultur wird sie finden“, wirbt eine deutschsprachige Tartu-Broschüre für Touristinnen und Touristen. Barrierefrei zugänglich speisen geht beispielsweise im Restaurant Polpo.

Haapsalu

Wie die Bischofsburg von Haapsalu aus dem 13. Jahrhundert barrierefrei gestaltet werden könnte, ist gegenwärtig die Aufgabenstellung eines Architektenwettbewerbs, wobei man in das Erdgeschoss bereits heute über eine Rampe hineinkommt. Ein schaurig-schöne Geschichte ist die der „Weißen Dame“. Bei Vollmond im August gestaltet sich auf dem Fenster der Taufkapelle der Burganlage das Bild einer weißen Frau. Die Legende besagt, dass sich die Geliebte des Domherren als Chorjunge verkleidet in die Burg geschlichen habe. Frauen war das Betreten der Burg verboten. Als ihre Tarnung aufflog, wurde die Geliebte lebendig in die Kapellenwand eingemauert und der Domherr verhungerte in einem Kerker. Fortan erscheint die Geliebte alljährlich als weiße Lichtgestalt. Vom 28. bis 30. August 2015 ist wieder "Zeit der weißen Dame", eine Freiluftaufführung der Geschichte, flankiert von weiteren Kunst- und Kulturangeboten sowie einem Markt.
Auf dem Markt werden sicher auch die berühmten weißen Spitzentücher aus Haapsalu verkauft. Ihre Tradition geht auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, als auf der Promenade beim Kursaal (erbaut Ende des 19. Jahrhunderts) die feine Gesellschaft flanierte. Auch heute macht ein Promenaden-Spaziergang Freude, ziehen die mit Holzschnitzereien verzierten Fassaden der historischen Gebäude die Blicke auf sich. Fußläufig vom barrierefreien Kursaal entfernt liegt „Ilons Wunderland“, ein liebevoll gestaltetes und mit einem Aufzug ausgestattetes Familien-Museum. Ilon Wikland, die ihre Kindheit bei ihren Großeltern in Haapsalu verbrachte, ist die Illustratorin der Bücher von Astrid Lindgren. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich ein Stück Haapsalu auch in ihren Zeichnungen wiederfinden lässt.
Nicht nur in Haapsalu, aber auch dort wird übrigens im Winter auf Eis gesegelt. Die vereiste Bucht dient dann sogar als Autostraße.

Haapsalu ist bekannt durch seine Schlammtherapie. Der Sedimentschlamm, der u.a. Natrium, Chlor, Kohlenstoff, Fluor, Jod und Sulfat enthält, stammt aus der Haapsaluer Bucht und ist nichts für Geruchsempfindliche. Doch seit 1825, als in Haapsalu das erste Sanatorium eröffnete und sich der Ort mehr und mehr zu einer vornehmen Kurstadt entwickelte, vertrauen Menschen auf die heilende und schmerzlindernde Wirkung des Schlamms. In Haapsalu befindet sich außerdem eine modern ausgestattete neurologische Rehabilitationsklinik, die auch ambulante Therapien anbietet.

Haapsalu gewann den nationalen EDEN-Wettbewerb, der 2013 barrierefreien Tourismus zum Thema hatte. EDEN steht für European Destinations of ExcelleNce - herausragende europäische Reiseziele.


Nützliche Links:
Infos über barrierefreien Tourismus: www.barrierefreier-tourismus.info

Tourismus für Alle Deutschland e.V.: www.natko.de

Fragen rund um die Barrierefreiheit in Estland (in Englisch): Accessible Baltics http://accessiblebaltics.eu/

Tourismus-Portal Estland (in Deutsch): http://www.visitestonia.com/de

Infos über barrierefreies Reisen in Estland in deutscher Sprache: http://www.visitestonia.com

Reiseleiter und Gästeführer, der sehr gut deutsch spricht und erste Erfahrungen mit barrierefreiem Reisen hat: Märt Männik: mart.mannik@gmail.com

Besucherzentrum und Aktivitäten in Soomaa: www.soomaa.com, Infos und Führungen in deutscher Sprache: Dagmar Hoder

Weitere Links und Bilder: https://doerthekrohn.wordpress.com/2015/05/27/pressereise-barrierefreies-estland/

Text und Fotos: Dörthe Krohn

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