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30.06.2010 00:00 Alter: 9 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Ein Standpunkt: Weihnachtsfeier im Sommer


J. P. Morgan Corporate Challenge: Lauf durch die Frankfurter Innenstadt, im Hintergrund die Alte Oper.

© jpmorgancc.de

Mittlerweile zum 18. Mal fand in der Finanzmetropole Frankfurt am Main der nach Selbstdarstellung weltweit größte Firmenlauf J.P. Morgan Chase Corporate Challenge statt. Klein angefangen mit 527 Mitstreiterinnen und Mitstreitern und 57 Firmen, belächelt ob des –  sagen wir es offen – wirren Ziels, über gemeinsames Joggen so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen, oder mit den Worten der Veranstalter formuliert, die Atmosphäre am Arbeitsplatz zu verbessern „als Folge der gemeinsamen Aktivität im Kreise der Kolleginnen und Kollegen“, ist dieses Projekt einer US-amerikanischen Investmentbank mit dem Rekord von diesjährig 72741 LäuferInnen und 2752 teilnehmenden Firmen in Massendimensionen vorgedrungen, die erklärt gehören.

Heutzutage scheint es mehr recht als billig zu sein, wenn sich der bezahlte Angestellte zu seinem Arbeitgeber und Ernährer bekennt, neben seinem täglichen Arbeitseinsatz bestenfalls auch unbezahlt jenseits der eigentlichen Job-Description. Das ist nicht nur gewünscht, sondern wird von Selbigem umgekehrt auch honoriert. Und dies nicht nur einmal jährlich an der Weihnachtsfeier, sondern auch im Zuge des J.P. Morgan Chase Corporate Challenge, indem der Arbeitgeber wohl in den meisten Fällen die Startgebühr des Einzelnen spendiert, die immerhin 20 Euro pro Teilnehmendem ausmacht. Für alle Beteiligten positive Nebeneffekte sind dabei nicht nur die 1,50 Euro pro LäuferIn für einen wohltätigen Zweck, sondern gleichsam der Imagegewinn durch die sportlich-fröhliche und bitte möglichst zahlreiche Präsenz bzw. einer breiten und konkurrenzfähigen Positionierung im Kampf um die öffentliche Wahrnehmung als Firmenkollektiv.

Nimmt man einmal positiv gedacht an, dass es sich um mehr handelt, als eine reine Werbemaßnahme der jeweiligen Unternehmen und Sponsoren, was in Anbetracht der kostenlosen Leseexemplare von Sportmagazinen, Magnesiumtabletten, Pro-Schleimhäute- und Energie-Pastillen, und ja, Päckchen mit Sonnenblumensamen (strahlende Menschen, blühende Wirtschaft – blühender Balkon) schwer genug fällt, sticht die optisch kollektive Gleichschaltung ins Auge: Alle sehen sie mehr oder weniger identisch aus, Hierarchien werden ob der uniformen Firmentrikots negiert. Was natürlich dem Kollektiv-Gedanken Rechnung trägt, wenn die Tippse – zumindest im äußeren Erscheinungsbild – nicht vom Chef beziehungsweise der Chefin zu unterscheiden ist, so sich denn einer der Obrigen überhaupt zu dem „Run“ herablässt.

Schon die Suche nach einem für alle Beteiligten kompatiblen Trikot schweißt zusammen. Das dünkt nach harter Arbeit, denn möglichst originell muss es sein, und jede/r muss sich begeistert mit dem Motiv und der damit einhergehenden Repräsentation der eigenen (!) Firma identifizieren – zusätzlich angestachelt durch einen T-Shirt Contest, dessen Preisgeld ebenso zu spenden sich alle Teilnehmenden moralisch verpflichtet haben. Niemand will in der Masse von 70.0000 „Sportlern“ untergehen, unbedeutender Teil eines Events sein, der inhaltlich mehr als nur eine Mittagspause bereicherte, auch wenn sportlich für die meisten eh nix zu holen ist. Aber wenn schon untergehen, dann wenigstens im Kollektiv, das nicht wahrzunehmen ja bedeutend schwer fallen sollte – so zumindest das hehre Ziel. Denn untergehen tun sie im Grunde alle, weil diese grenzenlose Originalität sich gegenseitig aufhebt und letztlich nur die Funktion haben kann, sich im Getümmel wiederzufinden, und sich in der Gruppe seiner Zugehörigkeit und damit seiner selbst gewiss zu sein.

Man kann das Feld natürlich auch weniger polemisch aufrollen: Findet hier am Ende tatsächlich so was wie Basisdemokratie, wenigstens wenn‘s ums Trikot geht, statt? Wenn es bei den Abstimmungsverfahren in den Firmen mit rechten Dingen zugeht, sicher, wobei natürlich stets auch der letzte „Walker“ mitlachen muss, sonst ist das Ziel der Geschlossenheit verfehlt. Ob so oder so, das Vorspiel schweißt zusammen, die Vorfreude auf, ja, was eigentlich noch? Gemeinsames Trinken könnte man auch anders begründen, und der „Run“ alleine kann es nicht sein, stellt man die Massen in der City zu jenen ins Verhältnis, die sich tatsächlich 5,6 km durch die Stadt schaffen, und dabei sämtliche Bananenplantagen von Panama kahlfuttern  - was sowieso irritiert, ist das Verspeisen von Bananen während eines Laufs für den gemeinen Alltagsjogger eher unüblich.

Doch für so manch einen ist er es tatsächlich, der Run, das Gefühl, allen äußeren logischen Widerständen zu trotzen, sich der Masse, der innerstädtischen schwülen Hitze, der Entfernung zu stellen, dem Gerangel und naheliegenden klaustrophobischen Moment zu widerstehen, somit die eigene Stärke durch die Überwindung des inneren Schweinehundes zu demonstrieren – und natürlich (denn das ist ja für die meisten „Alles“) dabei gewesen zu sein, für sich, für die KollegInnen, für die Firma. Die anderen, zuschauenden Kollegen, die an der Seite stehen, anfeuern, trinken und winken, sind so beeindruckend gut drauf, weil die Firma, der Arbeitgeber, sie nun mal so wahnsinnig glücklich macht, sie einfach eine super Truppe sind (wie man ja unschwer erkennt) – und alles sowieso einfach toll ist. Halt wie an Weihnachten, falls der Arbeitgeber eine Weihnachtsfeier springen lässt. Da trinkt man auch, feuert sich an, weint, lacht, teilt. Das ist selbstverständlich alles vollkommen ok, tut niemandem weh, und unsere schöne Stadt am Main hat halt auch immer einen Grund zum feiern. 

Soweit wäre dann ja alles geklärt, bleibt eine Frage in Hinblick auf den Charity-Gedanken, gerade in Anbetracht der zahlreichen Sponsoren, offen: Auch wenn J.P. Morgan den Spendenbetrag von 1,50 Euro verdoppelt, wobei sich auch nicht erschließt, wieso nicht gleich 3 Euro Spendengeld pro Läufer abgezogen werden: Was passiert eigentlich mit den restlichen 17,00 Euro???

Nun, Bereicherung mal nicht unterstellend: Wahrscheinlich ist es tatsächlich die Organisation für diese gigantische firmenübergreifende Werbemaßnahme, die 2010 immerhin 1.236.597 Euro frisst. Und man kann sich sicher sein, dass – aller Wirtschaftskrisen zum Trotz – das Spektakel 2011 irgendwann im Juli an einem schwülen Sommertag noch größer sein wird, noch gigantischer und kollektiv noch lustiger.

Text: Katja Thorwarth

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