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21.12.2011 16:08 Alter: 7 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Die Hürden fallen


Torsten Brinkmann

Torsten Brinkmann, © Sonja Lehnert

Torsten Brinkmann (r.) und einer seiner Mitarbeiter, Stefan Müller, mit der Auszeichnung der KfW.

Torsten Brinkmann (r.) und einer seiner Mitarbeiter, Stefan Müller, mit der Auszeichnung der KfW. © Sonja Lehnert

Ein Leben ohne Hürden, Fallstricke und Einschränkungen wünschen sich alle. Am meisten jedoch die, die mit einer Behinderung leben und nur allzu oft an Grenzen stoßen, die ein barrierefreies Leben verhindern. Dass einige Barrieren im Berufsleben jetzt überwunden werden können, dafür sorgt das Unternehmen MAIN IT.

Die KfW Bankengruppe hat Ende Oktober im Rahmen der deutschen Gründer- und Unternehmertage (deGUT) in Berlin den bundesweiten KfW-Unternehmerpreis Gründer Champions 2011 vergeben. Der Wettbewerb zeichnet Geschäftsideen aus, die einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.
Aus den 16 Landessiegern wurden auf der Eröffnungsveranstaltung zur deGUT drei Bundessieger gekürt. Der Bundessieger in der Kategorie „Soziale Verantwortung“ ist das Unternehmen MAIN IT GmbH & Co. KG aus Kelkheim.

Die Firma entwickelte das weltweit erste barrierefreie Dokumenten-Management-System Main Pyrus BIENE Edition. Es ermöglicht Menschen mit Handicap die Teilhabe am Arbeitsleben und setzt neue Standards bei der Bedienung von Softwareprogrammen in der Verwaltung. Neben der Schaffung neuer behindertengerechter Arbeitsplätze bei Kunden, beschäftigt die  MAIN IT im Rahmen der Entwicklung selbst Blinde und Schwerbehinderte in Schlüsselpositionen. Der geschäftsführende Gesellschafter Torsten Brinkmann bemerkt dazu: „Wir setzen die vorhandenen Möglichkeiten gleich um, bieten Arbeitsplätze für Behinderte und geben anderen Unternehmen damit ein Beispiel für nachhaltige soziale Verantwortung.“

Nachfolgend erläutert Torsten Brinkmann, wie ein Mehrwert für die Gesellschaft entsteht, in die Menschen mit Behinderungen integriert sind. Weitere Informationen zum Thema sind unter www.main-it.de zu finden.

Inklusion, ein Mehrwert für die Gesellschaft

Der Mehrwert stellt sich vielschichtig dar. Auf unserer Suche nach geeigneten Fachkräften unterstützte uns in der Vergangenheit die ZAV (Zentrale Arbeitsvermittlung für behinderte Akademiker) in Bonn. Alle Kandidaten hatten eins gemein, sie waren durchweg hoch qualifiziert, stark motiviert und jahrelang arbeitssuchend. Abgesehen von kurzzeitigen projektbezogenen Jobs ohne Perspektive, waren die Lebensläufe deprimierend. Dieser Zustand lässt erahnen, wie viel Potenzial auf dem Arbeitsmarkt nicht abgerufen wird und so auf Kosten der Gesellschaft sein Dasein fristet. Depressionen, Krankheit und Vereinsamung sind auf Seiten der Betroffenen oft das Ergebnis. Unternehmen klagen hingegen über nicht besetzte Stellen und eine neue Volkskrankheit namens Burn-Out macht sich selbst unter jungen Arbeitnehmern breit. Doch es geht auch anders.

Vier neue Arbeitnehmer mit Handicap arbeiten nun bereits seit über einem Jahr in unserer Firma und haben für ein völlig neues Arbeitsklima gesorgt. Die hohe Motivation, der geringe Krankenstand und das achtsame Miteinander, sorgen für eine offene freundliche Unternehmenskultur bei der das Team als Ganzes im Mittelpunkt steht. Die Betroffenen selbst gehen in ihrer Aufgabe auf und haben erstmals eine Entwicklungsperspektive im Arbeitsleben. Untermauert werden unsere Erfahrungen durch die Aussage von Franz-Josef Esch, Vorstand der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. In Deutschland leben ca. 1,2 Mio blinde und sehbehinderte Menschen. Lediglich 28% der Erwerbsfähigen dieser Gruppe befinden sich jedoch in einem Arbeitsverhältnis. Auch der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben nach einer Krankheit oder einem Unfall ist oft nicht zu schaffen.

Unser Entwicklungspartner Skanilo arbeitet viel mit solchen Menschen, die erst langsam zurück ins Arbeitsleben finden müssen. Aber was macht es diesen Menschen eigentlich so schwer den Einstieg zu finden? Grund sind oft Vorurteile oder die Angst des Arbeitsgebers den Mitarbeiter im Zweifelsfall nicht wieder kündigen zu können. Leider gibt es auch ganz handfeste Probleme. So klagen Unternehmen, die gezwungen sind die Behindertenquote zu erfüllen, dass es keine adäquaten Einsatzbereiche gibt. Tatsächlich werden Blinde meist auf Positionen wie beispielsweise in die Telefonzentrale abgeschoben, auch wenn Sie ein Hochschulstudium absolviert haben. Grund sind die nicht bedienbaren Softwarelösungen, mit denen oft auch sehende ihre Probleme haben. Gelöst wird dieses Problem mit teuren Einzelplatzlösungen, die vom Integrationsamt bezuschusst werden. Leider funktionieren diese meist nur bis zum nächsten Softwareupdate. Dann dauert es oft Monate bis die nötigen Anpassungen vorgenommen werden, um ein Weiterarbeiten zu ermöglichen. In dieser Zeit kommen sich die Mitarbeiter nutzlos und wertlos, wie Menschen zweiter Klasse vor.

Gerade hier setzten unsere Softwarelösungen an. Der Standard in der Bedienbarkeit ist so gesetzt, dass alle Mitarbeiter, egal ob mit oder ohne Handicap, damit arbeiten können. Also keine teuren Insellösungen, die eine berufliche Weiterentwicklung unmöglich machen, sondern erstmals Inklusion. Dieser Begriff wurde bei der Fassung des Gleichstellungsgesetzes 2002 fälschlicherweise in Integration übersetzt, was per se etwas anderes bedeutet. Denn erst wenn der Standard von allen genutzt werden kann, ist es Inklusion. Integration hingegen setzt eine Abweichung vom Standard voraus.

Der Mehrwert, der durch umgesetzte Inklusion in unserem Unternehmen entstanden ist, lässt sich zwar in vielen Bereichen nicht direkt monetär beziffern, aber wir (die Mitarbeiter der Main IT) gehen alle sehr gerne arbeiten und fühlen uns wohl. Wer kann das von der Hälfte seines Lebens schon behaupten!?

Text: Torsten Brinkmann

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