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04.12.2011 11:48 Alter: 7 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Blind Bäume pflanzen - "Warum sollte das nicht gehen?"


Huntert Erlen liegen in einem Hänger. 3-jährige Schwarzerlen (wegen ihrer Rinde) oder auch Roterlen genannt (weil sich ihr Holz beim Sägen orange verfärbt), warten auf ihren neuen Standort.

3-jährige Schwarzerlen (wegen ihrer Rinde so genannt) oder auch Roterlen (weil sich ihr Holz beim Sägen orange verfärbt), warten auf ihren neuen Standort. © Dörthe Krohn

Mitwirkende eines gemeinsamen Kunstprojekts des hessischen Blindenhilfswerks und des Bundesverbands Bildender Künstler BBK Darmstadt dürfen ausnahmsweise ihre Autos in den Wald fahren und werden von Förstern begleitet.

Mitwirkende eines gemeinsamen Kunstprojekts des hessischen Blindenhilfswerks und des Bundesverbands Bildender Künstler BBK Darmstadt dürfen ausnahmsweise ihre Autos in den Wald fahren und werden von Förstern begleitet. © Dörthe Krohn

Einführung von Förster Klaus Seifert über die gewünschte Artenvielfalt in Mischbeständen und alles rund ums Anpflanzen.

Einführung von Förster Klaus Seifert über die gewünschte Artenvielfalt in Mischbeständen und alles rund ums Anpflanzen. © Dörthe Krohn

Künstlerin Traudi Schulte und Anna Courtpozanis vom Blinden- und Sehbehindertenbund in Hessen in Teamarbeit.

Künstlerin Traudi Schulte und Anna Courtpozanis vom Blinden- und Sehbehindertenbund in Hessen in Teamarbeit. © Dörthe Krohn

Bald wird hier ein kleiner Erlenhain stehen.

Bald wird hier ein kleiner Erlenhain stehen. © Dörthe Krohn

„Ist die Stelle für den Baum hier gut?“ Behutsam schiebt Dana Lienert mit dem Spaten kleine Zweige, Wildwuchs und Blätter beiseite. Vor allem die Fichtennadeln dürften nicht in das Pflanzloch fallen, hatte Förster Klaus Seifert, zuständig für das Revier Ober-Ramstadt, erklärt. „Habe ich alles erwischt?“ „Sieht gut aus“, bestätigt die Assistentin. Die Heilpädagogin und Klangmasseurin hebt die Erde aus, ertastet aus einem großen Sack eine von insgesamt Hundert dreijährigen Schwarzerlen und setzt sie treffsicher im soeben ausgehobenen Erdloch ab. Drei Finger breit über dem noch kleinen Wurzelballen soll sie mit Erde bedeckt werden. Weil sie nicht genau weiß, wo sie den Erdaushub hin geschaufelt hat, hält sie das Bäumchen fest, während ihre Pflanzpartnerin, die Fotokünstlerin Gisa Hillesheimer, das Loch mit Erde auffüllt. Die Erde um das Bäumchen antreten, ist dann wieder Dana Lienerts Sache.

Am ersten Adventssonntag trafen sich blinde und sehbeeinträchtigte Frauen und Männer sowie Künstlerinnen und Künstler im Rahmen eines gemeinsamen Kunstprojekts des hessischen Blindenhilfswerks mit dem Regionalverband Darmstadt des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK zum Bäume pflanzen.

„Warum sollte das nicht gehen?“ Saku Hanna Hagenauer und ihre Partnerin hocken vor ihrem Bäumchen und holen sich die Erde mit den Händen heran, um die kleine Pflanze darin einzubetten. „Die Erde riecht gut.“ Im Laufe der Zeit entwickelten sich ganz individuelle Methoden, die jungen Erlen in die Erde zu bringen. Im Frühjahr wollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der kleinen Exkursion „nachschauen“ kommen, ob alle gut angewachsen sind. Der nährstoffreiche, feuchte Boden der kleinen Lichtung bei Darmstadt-Treisa, die in ein paar Jahren keine mehr sein wird, bietet gute Bedingungen. Schließt man als sehender Mensch die Augen, hört man den Wald intensiver - das Knarren der Äste, das Rascheln des Herbstlaubs, den Wind und riecht die Feuchtigkeit und das Erdige, bekommt ein ganz anderes Gespür für den Ort.  

Wo einst Fichtenkronen unter den Schneemassen des vergangenen Winters zusammengebrochen waren und der gebeutelte Bestand deshalb weichen musste, waren Schnüre gespannt. Alle 1,5 Meter markierten Kabelbinder die Stellen, wo die Erlen gepflanzt werden sollten. Das hatte sich Revierförster Klaus Seifert gut überlegt, denn so konnten die Stellen ertastet werden. Sein Kollege vom Nachbarrevier, Rudi Schilling, war so begeistert von der Idee des gemeinsamen Baumpflanzens, dass er mit anpackte.  Zuvor hatten alle eine Erle mit ihren Fingern erkundet; die schraubenförmige Anordnung der Zweige und die gestilten Knospen, die sich klebrig anfühlen sollten. Im Waldabschnitt stehen überwiegend Buchen, ein paar Wildkirschen, Eschen, Kiefern, Eichen, Fichten, „aber hier sehen Sie ja auch schon Erlen“. Die den Ausführungen der Förster lauschenden Blinden lachten. „Die sehen wir doch nicht.“

Saku Hanna Hagenauer ließ daraufhin ihren lachenden Blindenstock ertönen. Drückt man ein Knöpfchen, bricht er in Gelächter aus und wirkt bei den Anwesenden stets ansteckend. Die Mitarbeiterin in der Studienorganisation für Studierende mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen an der Universität Kassel und die Frankfurter Künstlerin Brigitte Kottwitz bauen Klangstöcke. Viele „Guckies“, d.h. sehende Menschen, sähen Blindheit oft sehr dramatisch, finden sie. Gemeinsam lachen tut allen gut. Zur Einweihung des Erlenwäldchens brachten die beiden zudem einen „Lachenden Wanderstab“ mit. Selbst geschnitzte Muster zieren den Stock, der zu einem Musikinstrument umgebaut wurde. Er spielt Cello-Klänge von Bach.

Einen Baum im Wald hatte zuvor noch niemand gepflanzt. Eine reiche Erfahrung mehr, sowohl für die nichtsehenden als auch die sehenden Gäste im Forst von Ober-Ramstadt.

Text: Dörthe Krohn

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