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07.05.2014 00:00 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Authentisch sein, aber die Spielregeln kennen


Foto: Dörthe Krohn

„Alle stimmen zu, dass Frauen arbeiten wollen und sollten, dabei noch die Work Life Balance berücksichtigen möchten – aber die passenden Lebens- und Arbeitsmodelle dazu fehlen uns noch“, so Ramona Lange vom jumpp. Das Zukunftssymposium „Megatrend Frauen – Wunsch und Wirklichkeit“ wollte hierzu Denk- und Handlungsweisen anstoßen. Eingeladen hatte das HOLM (House of Logistics and Mobility) und der jumpp Frauenbetriebe e. V., der seit 30 Jahren Frauen auf dem Weg in ihre berufliche Selbständigkeit und darüber hinaus begleitet.

„Gestern Mittag war der Eingang noch nicht fertig. Wir haben noch Rollrasen besorgt, damit es hier schön aussieht“, erzählt Oliver Kraft, einer der Geschäftsführer des HOLM. Im Haus in der Frankfurter Airport City und rundherum – Baustelle. Die offizielle Einweihung des Ortes, an dem sich zukünftig Wissenschaftler_innen und Praktiker_innen aus allen Disziplinen über Fragen der Logistik und Mobilität austauschen können, ist Anfang Juni. Einen Monat vorher trafen sich aber schon mal rund 100 Frauen und ein paar Männer zum Zukunftssymposium „Megatrend Frauen" in einem bereits fertiggestellten Gebäudetrakt und diskutierten die Chancen und Möglichkeiten von Frauen im Beruf.

Die Baustelle in und ums HOLM sei sinnbildlich für das ganze Thema, so Kirsten Brühl, Trendforscherin beim Kelkheimer Zukunftsinstitut. Der Megatrend Frauen oder „Female Shift“ ist einer von elf Megatrends, die von Trendforscher_innen ausgemacht wurden. Mit dem Megatrend Frauen gehen Megatrends wie die Vernetzung/Netzwerken, die private Mobilität und der Wandel zur Wissensgesellschaft einher. Arbeitsräume, Unternehmensstrukturen, die Arbeits- und Unternehmenskulturen verändern sich. Die Megatrends werden in den nächsten Jahrzehnten die Gesellschaft umformen.  
 
Noch verfügen Frauen allgemein über weniger Macht und weniger finanzielle Mittel als Männer. Weiterhin bestehen Lohnunterschiede, finden sich nur wenige Frauen an den Unternehmensspitzen und die Familienarbeit wird immer noch mehrheitlich von Frauen erledigt.
Um mehr Bewegung in diese Zustände zu bringen, reicht es nicht, auf Politik und Wirtschaft allein zu setzen. Angesichts des demografischen Wandels und zunehmenden Mangels an Talenten kümmert sich nämlich auch Frankfurts Wirtschaftsdezernent Markus Frank darum, mehr Frauen besser beruflich einzubinden. Es sei eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft, wenn „starke Frauen“ mehr unternehmerische Verantwortung und Führungspositionen übernehmen würden, sagte er.

Es scheinen noch nicht alle Firmen zu wissen, dass sie mehr Frauen und das Know-how von Frauen brauchen. Klar ist aber, dass Maßnahmen der Frauenförderung in erster Linie aus wirtschaftlichem Interessen angeleiert werden und nicht, damit sich die individuelle Frau selbstverwirklichen kann. In Bezug auf die Bedeutung von Unternehmensgründungen für die Volkswirtschaft benennt das Bundeswirtschaftsministerium: Entlastung des Arbeitsmarktes, mehr Wettbewerb, Innovationen, die wirtschaftliche Verantwortung verteilt sich auf mehrere Schultern. Bei Frauen sei noch viel Unternehmensgründungspotenzial vorhanden, heißt es auf der BMWi-Homepage. Der Frauenanteil bei den Startups beträgt tatsächlich gerade einmal etwa 13 Prozent. (Deutscher Startup Monitor 2013*)    

Kirsten Brühl schlug eine Sowohl-als-auch-Strategie vor. Die Rahmenbedingungen für mehr Frauenpower in den Unternehmen müssen verbessert werden. Insbesondere Unternehmerinnen selbst können hier wertvolle Beispiele geben. Es zeichnet sich ab, dass Firmen zukünftig um Frauen werben und attraktive Angebote für Arbeitnehmerinnen, von denen auch Männer und Familien profitieren (Kinderbetreuungsangebote, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Zeiten etc.), bereithalten müssen. Gleichzeitig muss sich jede einzelne Frau auf ihren eigenen Weg machen, die individuelle Situation reflektieren, sich selbst organisieren und vernetzen.

Die berufliche Selbstständigkeit ist ein möglicher Karriereweg. Macht, Status, Rang – was ist dabei wichtig? Werte wie Zeit für die eignen Bedürfnisse haben oder einer sinnstiftenden Beschäftigung nachgehen nehmen an Bedeutung zu. Wie Frauen ihre beruflichen Vorstellungen umsetzen, ist vielfältig: Frauen würden sich zu selten Männergruppen anschließen, meinte Nelly Kostadinova, Gründerin der Lingua-World. „Wir sind willkommen bei Männern und das ist unsere Chance.“ Chili Bang Bang-Modelabel-Gründerin Sevinc Yerli fand, es sei nicht wichtig, wie schnell man bei einer Gründung vorangehe sondern dass man überhaupt weitergehe. Neben ihrer Firma kümmert sie sich, unterstützt von einer Au-pair-Frau, weiterhin um Kinder und Haushalt und sagte auch für diesen Lebensbereich: „Ich bin der Chef. Ich finde, dass wir Frauen das auch besser können.“ „Ich möchte mir helfen lassen, damit ich selbstständig arbeiten kann“, stellte hingegen die Geschäftsführerin von meloonia Frozen Yoghurt fest. Dass Frauen und Männer die Zukunft gemeinsam meistern sollten, war der grundsätzliche Tenor der Veranstaltung.

Authentizität wurde mehrheitlich als wichtiger Schlüssel zum Erfolg, sowohl beim Erreichen selbstgesteckter Ziele als auch was die Anerkennung in der Wirtschaftswelt betrifft, angesehen. Dem schloss sich u. a. auch Ex-Model, Fernsehmoderatorin und Autorin Sonya Kraus an. Nur Professor Dr. Florian A. Täube von der EBS Business School gab zu bedenken, dass authentisches Verhalten nicht immer zielführend sei. Will man bzw. frau sich beispielsweise um eine Risikobeteiligung für ihr Gründungskonzept bewerben, sei es nicht ratsam in das Rollenklischee zu fallen, das von Geldgebern nicht geschätzt wird.
Frauen haben einige Erfolgsvermeidungsstrategien auf Lager. Eine davon ist, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Eine andere, die Spiele um die Macht, insbesondere in einem von Männern dominierten Umfeld, nicht zu kennen. Sich mit den Spielregeln zu befassen heißt nicht, zwingend nach diesen Regeln mitspielen zu müssen.
Die eignen Verhaltens- und Kommunikationsmuster können aber ein Aufstiegshemmnis sein. „Das grundlegende Prinzip des wahren Dialogs besteht darin, dass der Dialog in uns beginnen muss“, erklärte Kommunikationsexpertin Martina Engel. Gibt es Missverständnisse in mir selbst oder bin ich klar mit dem, wer ich bin und was ich will? Und noch eine bemerkenswerte Aussage gab sie den anwesenden Frauen mit auf den Weg: Es ist nicht möglich, das Gegenüber (immer) zu verstehen und es ist auch nicht nötig. Gesagtes darf auch mal so stehen gelassen werden.

Coaching, Weiterbildung und Infos rund um das Selbstständigmachen gibt es hier: www.jumpp.de

Text: Dörthe Krohn



* Startups unterscheiden sich von klassischen Gründungen im Hinblick auf ihre Innovationsfähigkeit und Beschäftigtenzahl (zu den “klassischen Gründungen” vgl. KfW Gründungsmonitor, 2012, S. 5) und werden in dieser Studie in Anlehnung der Kriterien des Bundesverbands Deutscher Startups (BVDS) definiert. (aus: Deutscher Startup Monitor 2013)


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