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19.11.2010 06:57 Alter: 7 Monat(e)

Wissenschaft öffnet sich für Kunst – Kunst öffnet sich für Wissenschaft


von Eberhard Malwitz, Ordnung im Chaos I

© Eberhard Malwitz, Ordnung im Chaos I

von Doris Schäfer, Sonderbelastung

© Doris Schäfer, Sonderbelastung

von Gisa Hillesheimer, Vision I

© Gisa Hillesheimer, Vision I

Gold-bronzen schimmernde Messingbondplatten bilden die Fassade des neuen Transferzentrums Adaptronik.

© Felix Krumbholz, Gold-bronzen schimmernde Messingbondplatten bilden die Fassade des neuen Transferzentrums Adaptronik.

Blick in die Ausstellungshalle, hier noch ohne Kunstwerke.

© Felix Krumbholz, Blick in die Ausstellungshalle, hier noch ohne Kunstwerke.

Was ist Adaptronik? Damit haben sich fünf Künstlerinnen und ein Künstler beschäftigt. Was ist Champagner-Kreide fragte sich hingegen wohlmöglich die eine oder der andere Wissenschaftler/in. Im Mai 2009 waren WissenschaftlerInnen des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF in Darmstadt und KünstlerInnen des Bundesverbands Bildender Künstler (BKK) Darmstadt erstmals in Dialog getreten über Projekt II „Wissenschaft begegnet Kunst – Kunst begegnet Wissenschaft“.

Unter anderem gaben sie sich in zwei Workshops, die im Fraunhofer LBF und im Atelierhaus Darmstadt stattfanden, gegenseitig Einblicke in ihre jeweiligen Denkmodelle, Arbeitsprozesse und Materialwelten. Diese außergewöhnliche Kooperation entwickelte sich in den letzten anderthalb Jahren parallel zum Neubau des Transferzentrums Adaptronik (insgesamt zweieinhalb Jahre Bauzeit), wo die Ausstellung vom 19. November 2010 bis zum 27. Februar 2011 zu sehen ist.

Der erst am 11. November eröffnete Neubau mit seiner ausgefallenen Messing-Fassade und hellen, offen wirkenden Räumen nimmt die Kunstwerke auf, als würden sie von Anbeginn und immerfort dazu gehören. Die zu sehende Kunst ist im Dialog mit der Wissenschaft gereift und nimmt Bezug auf wissenschaftliche Inhalte. Deshalb ist sie so passend und zugleich erschließt sie sich nicht sofort.

“Was sprecht ihr für eine Sprache? Könnt ihr das nicht mal ins Deutsche übersetzen?“ rezitiert Kuratorin Heike Sütter eine beteiligte Künstlerin, die diesen Wunsch bei einem Ausstellungs-vorbereitenden Treffen gegenüber den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern äußerte.“Die Kunstwerke sind für uns manchmal nicht weniger komplex“, so  Physikerin Dr. Ursula Eul. Sie ist die Leiterin Strategisches Management, Fraunhofer LBF, und hat gemeinsam mit Brigitte Satori Constantinescu, im Vorstand des BBK (bis 2009), und Heike Sütter (Vorstand im ATELIERFRANKFURT e.V.), das Kunstprojekt im Fraunhofer Transferzentrum entwickelt.

Tatsächlich ist das Gebäude, so licht es innen ist, verschlossen. Im Sinne eines Projekthauses entwickeln ProjektpartnerInnen, insbesondere klein- und mittelständische Unternehmen, gemeinsam mit Fraunhofer-Forscherinnen und Forschern aus Forschungsergebnissen innovative, wettbewerbsfähige Produkte. So geheim die Entwicklungen auch sind, eine gewisse Öffnung ist bereits mit dem ersten Projekt „Wissenschaft begegnet Kunst – Kunst begegnet Wissenschaft“ im Jahr 2008 (70-jähriges Jubiläum des Fraunhofer LBF) herbeigeführt worden. Und Offenheit braucht es, sowohl im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess als auch im künstlerischen Schaffensprozess, und schon gar, um so unterschiedliche Disziplinen zusammenzuführen.

Was ist also Adaptronik? Adaptronik ist ein Kunstwort aus adaptiv (selbstanpassend) und Elektronik. Es handelt sich um eine Strukturtechnologie, welche die Schwingungen, Formen und Geräusche mechanischer Strukturen beeinflussen kann. Die Mechanik eines Stoßdämpfers beispielsweise wird mit Sensoren und Aktoren gekoppelt, sodass sich die Federung der jeweiligen Beanspruchung autonom anpassen kann. Sogenannte intelligente Werkstoffe oder Smart Materials können selbständig auf Umweltveränderungen reagieren. Piezo-Keramik, aber auch Flüssigkeiten und Gase können dies bewerkstelligen.

Auf die Smart Materials antwortet Martina Schoder mit  handfesten Materialien wie z.B. Ton und Stoff. Die Unikate in der mit Glas abgedeckten Kiste namens „Voyeur“ können nur betrachtet werden, die in der „Akteur-Box“ hingegen sind zum anfassen, neu arrangieren und riechen. Sie greift damit zwei wissenschaftliche Prozesse auf: die Beobachtung und schließlich die mehrdimensionale Erschließung  des Beobachteten.

Bärbel Stoeckermann hat sich mit dem Thema „Schwingungen“ beschäftigt und eigens für ihre in Darmstadt-Kranichstein ausgestellten Druckgrafiken quasi in einer Laborsituation eine Masse (u. a. aus Champagner-Kreide) entwickelt,  durch die sie ein mechanisches Teil, das sie bei einer Vorbereitungsveranstaltung bei Fraunhofer gefunden hatte, wie einen Kamm in Wellenbewegung hindurch zog. Ihre schlanken menschlichen Figuren stehen dabei in immer neuen Beziehungen zueinander und sind in unterschiedlicher Weise von Schwingungen umgeben oder durchströmt.

Eberhard Malwitz hält unvorhersehbare Bewegungsmuster, die ein Chaos-Pendel (Doppelpendel) zeichnet, an dessen beiden Enden eine Lichtquelle befestigt ist, fotografisch fest. Auf demselben Foto finden sich Messwerte ordentlich in einem Grafen dargestellt.

Einen Resonanzraum zwischen dem Wort Resonanz hat Corinna Krebber geschaffen. Der Raum entsteht zwischen den oberen und unteren Schriftbögen, die gezogen (oben) und gestaucht (unten) sind. Am Treppenaufgang platziert, korrespondiert ihre Wandfolie zwischen dem Ausstellungsraum, der Präsentationshalle des Transferzentrums, und einem Raum für Arbeitstreffen.

Ganz ins Innere des Instituts führen die Kunstwerke von Doris Schäfer, die im ersten Stock ihre „Versuchsanordnungen“ zeigt. Reste von Fischdosen, Platinen, Greten, Knochen, Metallteile, sind in unterschiedlichsten Anordnungen montiert.

In den Mikrokosmos vegetativer Strukturen taucht Gisa Hillesheimer mit ihren fotografischen Arbeiten „Vision I und II“ ein. Ihre Installation „Blattgeflüster“ zeigt Strukturen und Schwingungen von Bäumen und ihren Blättern im Wind. „Man kann sie hören, auch wenn die Aufnahmen stumm sind.“, sagt sie, „denn wir haben die Erfahrung, wie sich Blätterrascheln anhört.“  Ihre Videoinstallation zeigt auf sechs Monitoren Aufnahmen in Zeitlupe, Echtzeit und Zeitraffer.

Zur Ausstellung ist ein von Gisa Hillesheimer gestalteter Katalog erschienen, der zum Preis von 7 Euro erworben werden kann. Eine Preisliste für die Kunstwerke aller beteiligten Kunstschaffenden liegt aus.

Gefördert wird das Projekt zudem von der Wissenschafts- (und Kultur-)stadt Darmstadt, dem Darmstädter Förderkreis Kultur und den Kulturfreunden HEAG.

Ausstellungsrundgänge
10. Dezember 2010 um 16 Uhr  Ausstellungsrundgang geführt von Kuratorin Heike Sütter

20. Januar 2011 um 18:30 Uhr
Ausstellungsrundgang begleitet von Kuratorin Heike Sütter und Brigitte Satori Constantinescu (BBK, Projektentwicklung)

9. Februar 2011 um 18:30 Uhr
Ausstellungsrundgang im Dialog mit den Künstlerinnen und dem Künstler

Anmeldung erforderlich unter: kunstwissenschaft@lbf.fraunhofer.de

Ausstellungsort: Transferzentrum Adaptronik, Jaupstr. 1, 64289 Darmstadt, www.lbf.fraunhofer.de. Das Gebäude ist barrierefrei, allerdings mit sehr schwergängigen Türen.

Text: Dörthe Krohn/pk

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