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12.08.2011 19:27 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Architektur

Wohnraum in Trabantenstädten des frühen 20. Jahrhunderts


Ein Haus von Ernst May in Frankfurt.

© Olaf Herling

Einbauschrank der Frankfurter Küche.

© Olaf Herling

Besondere Linienführung, Balkone.

© Olaf Herling

Wechselspiel gerader und gebogener Linienführung, Hausfassade.

© Olaf Herling

Schrebergartenidylle hinter dem Haus.

© Olaf Herling

Das Beispiel der Ernst-May-Siedlung in der Frankfurter Nordweststadt zeigt beeindruckend die Übereinstimmung städtebaulicher Planung mit den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen.

Dort, wo sich heute Stadtautobahn und Hauptverkehrsstraßen der Frankfurter Stadtteile Heddernheim und Nordweststadt treffen, realisierte der Architekt und Stadtplaner Ernst May, der in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag gefeiert hätte, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts seine Vorstellung vom sozialen Wohnungsbau. Selbst heute noch, fast 90 Jahre später, ist sie ebenso aktuell wie zur Zeit ihrer Entstehung.
In den wenigen Jahren von 1925 bis 1930 wurden in Frankfurt im Rahmen eines umfangreichen Siedlungs-Bauprogramms zirka 20.000 neue Wohnungen geschaffen, die hauptsächlich durch ein umfassendes Konzept des damaligen Stadtbaurats Ernst May entstanden. Er setzte den immensen Bedarf an Wohnraum mit seiner Idee der Trabantenstädte – ein Begriff, der zu der damaligen Zeit noch nicht negativ besetzt war – in die Tat um. In den Siedlungen der Römerstadt, Praunheim und am Bornheimer Hang wurde die Gestaltung der städtischen und privaten Lebenswelt vereint und ebenso moderne wie komplexe architektonische Lösungen geboten. An dem Bauprojekt, das – neben der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, den Berliner Siedlungen und dem Bauhaus in Dessau -– unter dem Frankfurter Bürgermeister Ludwig Landmann zu einem der wichtigsten der Weimarer Republik wurde, beteiligten sich weitere bekannte Architekten wie Mart Stam, Margarete Schütte-Lihotzky, Martin Elsässer, Ferdinand Kramer, Leberecht Migge und Walter Gropius.
Das Frankfurter Erbe gehört zu den herausragenden Beispielen der frühen Moderne in Deutschland und ist von internationalem Interesse.

Architektur – am Leben orientiert

Halbrunde und versetzte Straßenführung sowie die Spannung zwischen geraden Linien eines Kubus und leichter Bogenführung an exponierten Punkten der Fassaden zählen zu Mays Vorlieben, die immer wieder ins Auge fallen. Geraden werden vom Halbrund entschärft und Bögen von kubischer Strenge in ihre Schranken verwiesen.
Ein ebensolches Spannungsfeld bieten die funktional geplanten Ein- und Mehrfamilienhäuser inmitten grüner Hintergärten, Schrebergärten und den Wiesen der Niddaauen. So genannte Bastionen, heute mit altem, Schatten spendenden Baumbestand, lockern um ein weiteres die Bebauung auf. Sie sollten den Bewohnern Treffpunkt, „Dorfplatz“ und Erholungsort sein.
Die Grundrisse der Einfamilienhäuser wurden Platz sparend und dennoch komfortabel konzipiert. 80 bis 100 Quadratmeter, zuzüglich eines geräumigen Kellers, einer Terrasse und eines großen Hintergartens verhießen modernes, stadtnahes Wohnen. Die Idee eines städtischen Grüngürtels war Teil des Niddatalprojektes unter Stadtbaurat Ernst May. Landschaft und Architektur gingen dabei eine enge Verbindung ein. Die exakte gärtnerische Gestaltung der Freiflächen sowie der Haus- und Kleingärten waren Ergebnis eines komplexen Konzepts des Landschaftsarchitekten Leberecht Migge, das sowohl ästhetische als auch zweckmäßige Überlegungen verband. Die Gärten dienten der Selbstversorgung und mussten von ihren Eigentümern nach verbindlichen Bepflanzungsrichtlinien bewirtschaftet werden. Heute hat sich das Bild gewandelt. Macht man einen Spaziergang durch die Gärten hinter den Häusern, erlebt man unwillkürlich die Idylle ländlich anmutenden Lebens inmitten blühender und individuell gestalteter Blumenpracht.
Das Besondere der Ausstattung der Reihenhäuser bildete neben fünf Licht durchfluteten Räumen, der zentralen Heizung und Warmwasserversorgung (einer Neuheit im Frankfurt der 20er Jahre) eine wegweisende Rationalisierung der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Sie entwarf für die vorbildlich gestalteten Siedlungen das Nonplusultra an Funktionalität: die Frankfurter Küche. Der Idee zugrunde lag das Taylorsystem (nach dem Amerikaner F.W. Taylor), mit dem Ziel, einen möglichst wirtschaftlichen Betriebsablauf zu erzielen. Für die Küche im Privathaushalt bedeutete die Idee der kurzen Wege Platz sparend angeordnetes Mobiliar und das Erreichen aller Funktionen – Herd, Spüle, Kühlschrank – in einer Umdrehung. Die Ergebnisse des weitgehend standardisierten Siedlungsbaus sowie die Entwürfe von Margarete Schütte-Lihotzky wurden zu international bekannten Wegweisern des Siedlungsbaus.

Ernst-May-Haus

Das zweistöckige Reihenhaus in der Frankfurter Römerstadt ist (durch Förderung der Ernst-May-Gesellschaft und des Denkmalschutzes) ein Dokumentations- und Veranstaltungsort für Architekturinteressierte aus aller Welt. Mit einer denkmalgerechten Restaurierung, Originalausstattung und der Rekonstruktion des Gartens stellt das Haus ein Zeugnis des avantgardistischen Siedlungsbaus zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts dar.
Die Ernst-May-Gesellschaft verfolgt das Ziel der Förderung von Baukunst, Kunst und Kultur, des Denkmalschutzes sowie der Förderung von Wissenschaft und Forschung. Dies wird insbesondere durch die Einrichtung und Trägerschaft eines Museums mit Dauer- und Wechselausstellungen in Frankfurt am Main und der Förderung eines Stipendiums verwirklicht. Damit sollen die Ideen und Dimensionen des Neuen Frankfurt und das Werk des Architekten und Stadtplaners Ernst May verdeutlicht werden.

Ernst May und das Neue Frankfurt

Geboren am 27. Juli 1886 in Frankfurt am Main, besuchte Ernst May dort die Klingerschule, machte sein Abitur in Kassel und begann 1907, nach einem Studienaufenthalt in England, Militärdienst und Studium an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Dort machte er die Bekanntschaft mit Jugendstilkünstlern auf der Mathildenhöhe. In München absolvierte er bis 1913 ein Architekturstudium, arbeitete mit bekannten Architekten und Stadtplanern zusammen.
Während seines Kriegsdienstes in Nordfrankreich und an der Ostfront beschäftigte er sich mit dem Entwurf und der Anlage von Soldatenfriedhöfen, wurde 1919 Technischer Leiter der Schlesischen Landgesellschaft in Breslau und gab die Zeitschrift „Schlesisches Heim“ heraus.
Ab 1921 war Ernst May Technischer Direktor der gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft „Schlesisches Heim“ in Breslau. Bedeutsam war 1923 sein Besuch der ersten Bauhaus-Ausstellung in Weimar, sowie darauf folgende Auslandsreisen nach Amsterdam, Amerika und Kanada. Von 1925 bis 1930 war er Stadtrat für das gesamte Bauwesen in Frankfurt am Main und gab ab 1926 die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ heraus.
1930 – 1933 beschäftigte ihn städtebauliche Tätigkeit in der UdSSR, 1934 ging er nach Ostafrika, zunächst als Farmer, später jedoch wieder als Architekt tätig.
1954 – 56 war er Leiter der Planungsabteilung der „Neuen Heimat“, Hamburg und Herausgeber der Zeitschrift „Neue Heimat“
1954 wurde Ernst May das Große Bundesverdienstkreuz verliehen.
Bis zu seinem Tod 1970 erhielt Ernst May mehrere Ehrentitel von Universitäten und von den Städten Frankfurt und Wiesbaden.

Margarete Schütte-Lihotzky – Jeder Millimeter hatte Sinn

Mit ihrer „Frankfurter Küche“ schrieb Margarete Schütte-Lihotzky Architekturgeschichte. Doch nicht nur mit dieser bis ins kleinste Detail durchdachten Arbeitsstätte, die vor allem berufstätigen Frauen die Hausarbeit erleichtern sollte, machte sich Margarete Schütte-Lihotzky verdient. Die „erste Architektin Österreichs“ entwickelte im Siedlungs- und Sozialbau beispielhafte Modelle und Einrichtungsgegenstände, sie baute durchdachte Kindergärten und entwarf Kindermöbel. Während der Zeit des Nationalsozialismus war sie im Widerstand aktiv.
Margarete Lihotzky wurde am 23. Januar 1897 in Wien geboren und studierte von 1915 bis 1919 als erste und einzige Frau Architektur an der K.K. Kunstgewerbeschule in Wien. Schon während ihrer Studienzeit erhielt sie eine Reihe von Auszeichnungen.
1926 wurde sie vom deutschen Architekten Ernst May, der sich für ihre Arbeit in Wien begeisterte, ins Frankfurter Hochbauamt gerufen. Sie entwarf Einrichtungen für Kindergärten, Wäschereien, Wohnungstypen für berufstätige alleinstehende Frauen und die „Frankfurter Küche“. Dieser Prototyp für die neuen Siedlungswohnungen in Frankfurt zeichnet sich durch einen perfekt durchdachten Funktionalismus aus.

Text: Sonja Lehnert

Die Ausstellung "ERNST MAY (1886–1970). Neue Städte auf drei Kontinenten" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ist noch bis zum 6. November 2011 zu sehen.

KURZUM: Ein Fest zu Ehren Ernst Mays

 


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