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< Georg Wickop – Architekt und Professor der TH Darmstadt
11.01.2014 14:16 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Architektur

Papierhäuser als Notunterkünfte


Foto: Sandra Junker/TU Darmstadt

Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Technischen Universität Darmstadt will dieses Jahr den Prototyp eines Hauses aus Papier testen. Das Papierhaus soll nach Naturkatastrophen oder in Flüchtlingslagern Menschen nicht nur schnell und unkompliziert Dach über dem Kopf sein, sondern Wohngefühl, Struktur und Ordnung vermitteln. Aber könnte ein Papierhaus, möglicherweise in einer Papierhaussiedlung, tatsächlich einen Beitrag leisten, damit sich Menschen in Not sicherer fühlen? Und braucht es für ein Wohn- und damit ein gewisses Wohlgefühl nicht in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Räume?

Der am Projekt beteiligte Architektur-Professor Ariel Auslender bezieht sich auf die Notunterkünfte auf Haiti, in denen auch drei Jahre nach dem Erdbeben etwa 400.000 Menschen leben und sagt: "Da sind Unorte entstanden. Und in solchen Situationen von Verlust und Chaos braucht der Mensch die wohltuende Wirkung des Geometrischen. Sie brauchen die Möglichkeit zu planen, Straßen und Infrastruktur zu schaffen." 
"Instant Homes" ist ein Projekt der Fachbereiche Architektur, Maschinenbau und Chemie. Die beteiligten Wissenschaftler und Student_innen suchen nach einer "nachhaltigen Lösung für Notunterkünfte", die den Menschen nach einer Katastrophe mehr Sicherheit, Privatsphäre und Struktur geben sollen als Zelte oder provisorische Unterstände.

Damit das Papierhaus stabil, wasserdicht, leicht aufzubauen, in Mengen transportabel und wohnlich ist, sind Know-how, Forschergeist und Tüftellust gefragt.

Werkstoff Papier für den Hausbau

Papier als Werkstoff für ein Haus erscheint erst einmal ungewöhnlich, wobei Möbel und Wohnaccessoires aus Papier und Pappe schon ihren Style-Check und ihren Gebrauchsfähigkeitstest hinter sich haben. Der 1928 in Hanau geborene Industriedesigner Peter Raacke hatte bereits 1968 eine Reihe von Wellpappmöbeln entwickelt, die mit geringen Kosten und in hohen Auflagen hergestellt werden konnten. Der "Sitz der Besitzlosen", nämlich das Modell "Otto", kann beispielsweise im Deutschen Technikmuseum in Berlin angeschaut werden. Heute gibt es diverse Hocker, Stühle, Sessel,  Regale oder Kommoden aus Papier und Pappe in allen möglichen Designs, wobei Papiermöbel schon eher noch Nischenprodukte sind.

Papier hat trendige Eigenschaften, denn es ist biologisch abbaubar, billig, leicht, fest und gleichzeitig formbar. "Gerade Papierhersteller, die innovative Lösungen suchen, interessieren sich für unser Projekt", sagt Papierhaus-Mitentwickler Professor Samuel Schabel. Sein Fachgebiet ist die Papierfabrikation und Mechanische Verfahrenstechnik. Für den Hausbau muss der Werkstoff Papier optimiert werden.

Ein Falthaus soll es sein
 
Das Haus soll ohne umständliche Bauanleitung ruckzuck aufgebaut werden können, eher nach dem Wurfzelt-, keinesfalls nach dem Ikea-Prinzip. Ein Semester lang entwarfen Studentinnen und Studenten Modelle solcher Unterkünfte und ließen sich von Origami-Falterin Kristina Wißling zeigen, was mit Papier möglich ist. Am Ende wurden die besten Entwürfe gekürt, wobei neben dem Design die Umsetzbarkeit und das Potenzial für die Entwicklung des Wohngefühls berücksichtigt wurden.

Umsetzbarkeit bedeutet unter anderem, dass die faltbaren Papierhäuser in großen Mengen in Transportcontainer für Lastwagen oder Hubschrauber passen müssen, um massenweise in ein Krisengebiet gebracht werden zu können.
Aber auch der Verschleiß bei der Nutzung spielt eine Rolle. "Wie dick müssen die Wände sein, um das Dach zu halten? Wie muss das Dach konzipiert sein um Wind und Wetter Stand zu halten? Wie baut man die Türen, damit sie tausende Male auf und zu gemacht werden können? Und wie sehen konkrete technische Lösungen aus, welches Material eignet sich am besten?", fasst Samuel Schabel die Herausforderungen für die Ingenieurinnen und Ingenieure zusammen.

Das Falthaus aus Papier muss Hitze, Frost, Niederschlag und Feuer widerstehen
 
Dieses Jahr sollen in einer Testhalle unter anderem Temperatur-Tests durchgeführt werden. "Solange die Sonne scheint, könnten wir das auch im Freien, doch sobald es regnet, saugt sich die chemisch unbearbeitete Pappe voll, und das Haus wäre kaputt", sagt Maschinenbau-Professor Schabel. Hier ist das Fachwissen der Chemikerinnen und Chemiker gefragt.

"Bei der optimalen Beschichtung kommt die Chemie ins Spiel, ebenso bei der Herstellung tragender, also sehr fester Elemente", sagt Markus Biesalski, Professor am Fachbereich Chemie. Das Papier soll nicht nur wetterfest sein sondern auch antibakteriell wirken und darf sich zudem nicht entzünden. Im Fachgebiet Makromolekulare Chemie und Papierchemie arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an verschieden neuen Beschichtungen für Papier. Ihre Forschungsergebnisse könnten auch dem "Instant Homes"-Projekt zugute kommen, damit es Realität werden kann.

(dk)


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