...  Architektur
Tag der Architektur  >
< Energetische Optimierung der Bausubstanz - Praxisbeispiele
21.06.2011 00:00 Alter: 3 Monat(e)
Kategorien: Architektur

Energetische Optimierung historischer Bausubstanz - Teil 4


Das schlechte Beispiel - Detail Anschluss Dach und Fenster.

Das schlechte Beispiel - Detail Anschluss Dach und Fenster. © Alexander Fenzke

Dieses Beispiel soll exemplarisch zeigen, das die fehlenden Detailplanungen den Sinn und Zweck der energetischen Ertüchtigung des Gebäudes leider verfehlt haben. Leider sind diese Bilder an der Tagesordnung, eine gute Beratung scheint hier gefehlt zu haben und kann im schlimmsten Fall zu Schäden an der unter der Dämmung liegenden Holz-Fachwerkfassade führen.

Dieses Beispiel soll exemplarisch zeigen, das die fehlenden Detailplanungen den Sinn und Zweck der energetischen Ertüchtigung des Gebäudes leider verfehlt haben. Leider sind diese Bilder an der Tagesordnung, eine gute Beratung scheint hier gefehlt zu haben und kann im schlimmsten Fall zu Schäden an der unter der Dämmung liegenden Holz-Fachwerkfassade führen. © Alexander Fenzke

Lamda-Schienensystemauf Mauerwerk montiert.

Lamda-Schienensystemauf Mauerwerk montiert. © Alexander Fenzke

Lamda-Schienensystem: Montage der Putzträgerplatte aus.

Lamda-Schienensystem: Montage der Putzträgerplatte aus. © Alexander Fenzke

Holzweichfaser

Holzweichfaser, © Alexander Fenzke

Im vierten Teil möchte ich zum Abschluss noch Varianten der Außendämmung nennen, die von den üblichen Kunststoff-WDVS (WärmeDämmVerbundSystem) abweichen.

Dämmung der Außenfassaden heute:
Bereits im letzten Artikel wurden die bauphysikalischen Zusammenhänge im Wohnbereich mit dem Thema Innendämmung und Fenster aufgezeigt. Doch auch beim Thema Außendämmung sollte hier der Kopf vor der Ausführung eingeschaltet werden und nicht ohne gründliche vorherige Überlegung das Haus einfach eingepackt werden. Kontroverse Diskussionen zu diesem Thema in den Medien sowie Bauherren, welche sich durch ein Übermaß an Informationen überfordert fühlen, erleichtern es dem „Universalhandwerker“ heute, einfache, für ihn selbst rationelle und gewinnbringende Dämmsysteme an den Mann/ die Frau zu bringen. An die Objekte an sich und an Umwelt denkt hierbei kaum einer.

Spezielle Trainingscamps und gesponserte Marketingveranstaltungen sowie fachinterne Zeitungsartikel verleiten heute z.B. viele Malerfirmen, ihre Geschäftszweige nahezu vollständig auf den Vertrieb und die Verarbeitung von WDVS zu verlagern. Da gerade dieser Berufszweig am meisten unter der Eigenständigkeit der Hausbesitzer leidet (mal ehrlich, wer holt sich heutzutage noch einen Maler zum Streichen und Tapezieren?), ist die Bereitwilligkeit dafür natürlich vorhanden. Aber auch viele andere, vom abflauenden Markt bedrohte Berufe sind auf den Zug des „schnell verdienten“ Geldes aufgesprungen, oft aber ohne den informellen Hintergrund für die detaillierte Ausführung solcher Arbeiten.

Viel schlimmer aber sind Bauherren, die, weil es ja so einfach ist, selbst die Ausführung dieser Arbeiten ohne das dafür nötige Hintergrundwissen in die Hand nehmen. Egal, die überall zur Verfügung stehenden „Experten“-Foren im Internet wissen mehr als Planer und Fach-Handwerker zusammen!  Gut beraten von findigen Fachberatern aus Baumärkten kann es nun – ohne einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden – losgehen. Wichtige Details werden hier oft nicht gekannt und beachtet, Hauptsache Platte drauf und Geld gespart. Dass dieser Schuss dann im Nachhinein nach hinten losgehen kann, scheint diesen Menschen nicht bewusst zu sein.

Doch gerade bei der Auswahl der Baustoffe sollte man nicht alles glauben, was das Monopol der Industrie hier dem Verarbeiter und den Hausbesitzern vorgaukelt! Schon alleine ein Blick auf den Herstellernamen sollte den Sinn des Einsatzes dieser Baustoffe zur Energieeinsparung schärfen, denn meist verdienen diese Unternehmen mit Chemie ihren Hauptumsatz; beschäftigt man sich dazu noch etwas intensiver mit Begriffen wie z.B. Primär-energieaufwand bei der Herstellung sowie den Inhaltsstoffen der angepriesenen Wunderbaustoffe wird schnell klar, dass es hier um nur eine Sache geht: viel Umsatz!

Weder die Umwelt noch energetische Belange sind hier wirklich im Vordergrund, es geht vielmehr um Beschäftigungszahlen und Gewinnmaximierung. Und schaut man sich derzeit um, scheint dies auch gefruchtet zu haben.

Allgegenwärtig stehen Gerüste an den Häusern, pfiffige Handwerker und gut organisierte Werbemaßnahmen sowie „billige Kredite“ veranlassen viele Hausbesitzer nun, endlich zuzugreifen. Aber nur selten wird hier der ganzheitliche Blick auf das Objekt angewendet und das Haus wird einfach nur schnell „eingetütet“.

Dabei sollten uns doch die Erfahrungen und die Fehler, die gerade Dämmsysteme aus der Anfangszeit  mit sich brachten, lehren, das nicht alles, nur weil es viel und oft gemacht wird, gut ist. Seit den Anfängen dieser Dämmhysterie in den 1980ern wurde dennoch sehr viel Aufwand betrieben, dass es dabei bei den „althergebrachten“ Baustoffen wie  Polystyrol und den Kunststoff-modifizierten Putzen bleibt! Alternativen sind, wenn überhaupt vorhanden, preismäßig unterlegen gegenüber den klassischen WDVS.

Stellt man heute dazu bauphysikalische Betrachtungen dieser Dämmsysteme an, landet man zur Regulierung der selbstproduzierten Probleme (auch hier wieder der Taupunkt!) schnell wieder bei der Chemie. Anstatt sinnvoll und nachhaltig zu bauen wird dazu die chemische Keule geschwungen um Themen wie Veralgung und Vermoosung der Fassaden in den Griff zu bekommen. Da hier beispielsweise Biozide/ Algizide und Fungizide, die allesamt der Umwelt nicht zuträglich sind, durch Auswaschungen der Anstriche und Putze auch in das Erdreich und somit auch in das Grundwasser gelangen können, haben wir damit auch noch für die Zukunft weitere Beschäftigungsfelder geschaffen (das wiederum ist nachhaltig!).    

Der Bauschutt-Entsorger, der in Zukunft bei einem Abriss die mit den als Sondermüll deklarierten Bestandsgebäuden zu tun haben wird, kann sich dann noch um den Bodenaustausch auf den Grundstücken kümmern…

Glücklicherweise findet derzeit (eigentlich schon von Beginn an, aber die Stimmen werden nun lauter) ein Umdenken statt, aus einem Praxisbeispiel möchte ich die Forderung einer Dorferneuerungsbehörde in Hessen zitieren, die es uns ermöglichte, eine ökologische Alternative zu den WDVS anzubieten und auch auszuführen. Hierzu wurde von der Behörde bzw. deren Planungsbüro klargestellt: Ein Vollwärmedämmsystem mit Styropor soll in diesem Fall keine Anwendung finden, die Dämmung kann zum Beispiel mit einer Mineralfaserplatte, etc. (Kunst- und Schaumstoffe sind von der Förderung ausgeschlossen) ausgeführt werden. … Zitat Ende.

Da es sich hierbei um ein teilweise aus Fachwerk erbautes Gebäude handelte, unterstützte die Aussage des Planungsbüros unsere Meinung, dass gerade hier, schon aus bau-physikalischen Gründen, Schaumstoffe Fehl am Platze sind.

Doch welche Alternativen stehen zur Verfügung, wo doch der große Kampf eigentlich nur zwischen der Polystyrol- und der Mineralfaserindustrie stattfindet?

Der einfachste Weg ist die Erstellung einer hinterlüfteten Vorhangfassade (und mit Holz oder Schiefer o. ä. versehen), die Wände können mit der Vielzahl der an Verfügung stehenden Plattendämmstoffen (Holzfaser, Hanf etc.) alternativ und ökologisch gedämmt werden. Hier ist die Problemstellung der Betauung durch die Hinterlüftung und die Entkopplung nicht ganz so kritisch zu sehen wie bei einer verputzten Fassade.

Doch was, wenn eine verputzte Fassade gewünscht ist?

Baubiologisch empfehlenswerte WDVS sollen diffusionsoffen und hygroskopisch (nehmen Wasser auf, geben es aber auch wieder ab) sein, bilden im Brandfall keine giftigen Gase (wie z.B. PS-Dämmungen), sind problemlos zu entsorgen und bestehen überwiegend aus nachwachsenden und/ oder mineralischen Rohstoffen. Bei diffusionsfähigen und hygroskopischen WDVS ist eine Gefahr der Tauwasserbildung zwischen Mauerwerk und Dämmung deutlich geringer als bei den hydrophobierten; mit rein mineralischer Beschichtung versehen besteht zudem eine wesentlich geringere Gefahr der Begrünung der Fassade.

Alternativen mit ökologischem Hintergedanken sind hier auch heute noch rar gesät;  aus dem Holzrahmenbau ist z.B. der Einsatz der Holzweichfaserplatten (HWF) bekannt und wird mittlerweile auch für Außendämmungen im Massivbau eingesetzt. Auch Schilfrohr- und Korkplatten-Dämmungen sind möglich. Probleme bereitet dabei eigentlich nur noch der Preis, da diese bis zu 20 bis 40 Prozent teurer im Vergleich zu den klassischen WDVS aus Polystyrol sind. Hier fehlt einfach die Verkaufsmenge oder auch das „Sponsoring“, um diese attraktiver für den Markt zu machen. Aber auch in der Beschichtung (Putz und Anstrich) dieser Dämmung greifen die Hersteller und die ausführenden Handwerker gerne aus Gewährleistungsgründen zu den marktüblichen Putzsystemen der Schaumstoff-WDVS zurück, da damit der Aufwand einer Neuentwicklung ausbleibt. Doch hier stehen damit leider nur zementgebundene, kunststoffhaltige und mit Chemie „verbesserte“ Putze und oft auch  – ebenfalls mit viel Technik ausgestattete – Anstriche zur  Verfügung.

Was also tun, um den eigentlichen, ökologischen Gedanken einer energetischen Verbesserung der Gebäude zu erreichen? Diese Frage ist eigentlich nur mit dem derzeit betrachteten Ausstieg aus der Kernenergie zu vergleichen:

Wer ökologisch will, muss noch tiefer in die Tasche greifen!

Einzelne Handwerker mit viel Eigeninitiative und Mut zur Lücke (und dem damit verbundenen Risiko) reichen hier nicht aus, gegen diese Windmühlen anzutreten. Gerade in der Altbauerhaltung und in der Denkmalpflege fällt es schwer, sich gegen Neubau-Dämmer mit Dumpingpreisen zu behaupten und mit guten und sinnvollen Argumenten ein Besseres Konzept unterzubringen, um den Substanzerhalt, der hier noch wichtiger als das Dämmen selbst ist, zu wahren.

Praxisbeispiel Alternative Außendämmung:
Als letztes Beispiel dieser Reihe möchte ich hier ein Außendämmsystem aus unserer Praxis vorstellen, welches als gute Alternative zum üblichen gezählt werden kann: das System Lambda plus der Firma altbauzentrum bietet dem Verarbeiter die Möglichkeit, ökologisch und sinnvoll auch und vor allem alte Gebäude variabel zu dämmen.  Dabei handelt es sich um ein Schienen-Konsolensystem, welches an der Außenfassade montiert wird und die Zwischenräume dann entweder mit Plattendämmstoffen auf das nötige / gewünschte Maß gedämmt, oder – von uns favorisiert – mit Cellulosedämmstoffen ausgeblasen werden kann. Im Gegensatz zu den früheren Latten-Aufbauten der Unterkonstruktion können hier durch die Reduzierung der Wärmebrücken-Anteile an der Wand bessere Dämmwerte der Konstruktion erreicht werden, weiterhin handelt es sich um ein System mit einer Zulassung (bis 25m Gebäudehöhe und 50kg/qm Tragkraft), was viele Planer und Handwerker hinsichtlich der haftungsrechtlichen Gründe interessieren dürfte.

Als Oberfläche stehen dabei mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: So kann auf die Träger sowohl eine hinterlüftete Vorsatzschale aufgebracht werden als auch mithilfe von Putzträgerplatten (Holzweichfaser, Holzwolle-Leichtbauplatten etc.) eine verputzte Oberfläche hergestellt werden. Selbst unebene Untergründe und „windschiefe“ Gebäude können so einfach und ohne großen Aufwand gedämmt werden. Kritische Detailpunkte wie das bei Dämm-Maßnahmen oft nötige Verlängern der Dachüberstände, das Versetzen der Fenster in die Dämmebene, Befestigung von außen angebrachten Anbauteilen etc. sind hier berücksichtigt und können bei vorheriger Planung leicht umgesetzt werden.

Für den Restaurator im Handwerk und damit auch Denkmalpfleger ist dieses System dazu noch als reversibel, sprich ohne Zerstörung der Substanz rückbaubar, anzusehen.

Abschluss und Aussicht:
Ich hoffe, ich habe dem aufmerksamen Leser anhand der vorgestellten Beispiele einige sinnvolle Alternativen zum Üblichen und Bekannten nähergebracht und Ihnen durch die Vermittlung der Hintergründe auch den Grund unseres „Abweichens von der Norm“ verdeutlicht.

Mit dem Wunsch, ein kleines Grübeln und Umdenken verursacht zu haben verabschiede ich mich mit freundlichem Gruß
Alexander Fenzke

PS: Es liegt an uns, und zwar an jedem einzelnen, die Welt (ein kleines Stück) zu verändern!

Energetische Optimierung historischer Bausubstanz, Teil 1

Baustoffe und Umgang mit dem Bestand, Teil 2

Energetische Optimierung der Bausubstanz - Praxisbeispiele, Teil 3

 


Anzeigen

Wenn Ihnen die reinMein gefällt, bitte weitererzählen... 

reinMein-Twitter

reinMein-Facebook