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Energetische Optimierung historischer Bausubstanz - Teil 4 >
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07.05.2011 07:02 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Architektur

Energetische Optimierung der Bausubstanz - Praxisbeispiele


Sowohl die Tapete als auch der darunter liegende Gipsputz sind Schimmel durchsetzt. Folgen an einer ungedämmten Massivwand aus Bruchstein nach Fensteraustausch und  falscher Nutzung durch die BewohnerInnen (nicht ausreichende Raumbelüftung).

Sowohl die Tapete als auch der darunter liegende Gipsputz sind mit Schimmel durchsetzt. Folgen an einer ungedämmten Massivwand aus Bruchstein nach Fensteraustausch und falscher Nutzung durch die BewohnerInnen (nicht ausreichende Raumbelüftung). © Alexander Fenzke

Auch an Hauseingangstüren findet sich dieses Problem. Wand und Deckenanschluss sind hier massiv geschädigt.

Auch an Hauseingangstüren findet sich dieses Problem. Wand und Deckenanschluss sind hier massiv geschädigt. © Alexander Fenzke

Unterdämmung: - Verstärkung der bestehenden Sparren zur Aufnahme der Dämmschicht, die Sparrenebene wurde als Lüftungsebene, ca. 12cm tief,  ungedämmt belassen, - Windbremsschicht und erste Dämmlage 22mm Holzweichfaserdämmplatte, - Konterlattung zur Herstellung des Dämmraumes, 100mm Thermohanf-Matte, - Innenseitig 60mm starke Putzträger-Dämmplatte Holzweichfaser

Unterdämmung: - Verstärkung der bestehenden Sparren zur Aufnahme der Dämmschicht, die Sparrenebene wurde als Lüftungsebene, ca. 12cm tief, ungedämmt belassen, - Windbremsschicht und erste Dämmlage 22mm Holzweichfaserdämmplatte, - Konterlattung zur Herstellung des Dämmraumes, 100mm Thermohanf-Matte, - Innenseitig 60mm starke Putzträger-Dämmplatte Holzweichfaser. © Alexander Fenzke

Flächen, zum Teil mit Wandheizung, auch in den Dachschrägen, belegt und in Lehmputz eingebettet.

Flächen, zum Teil mit Wandheizung, auch in den Dachschrägen, belegt und in Lehmputz eingebettet. © Alexander Fenzke

Schlafraum mit hervorragendem Raumklima, siehe PDFs am Textende.

Schlafraum mit hervorragendem Raumklima, siehe PDFs am Textende. © Alexander Fenzke

Zwischensparrendämmung, Giebel.

Zwischensparrendämmung, Giebel. © Alexander Fenzke

Ausblasen.

Ausblasen. © Alexander Fenzke

Zelluloseöffnung.

Zelluloseöffnung. © Alexander Fenzke

Auch hier kann man ein Wandflächenheizung drunterlegen und die Wand schließlich mit Kalk- oder Lehmputz fertig stellen.

Auch hier kann man ein Wandflächenheizung drunterlegen und die Wand schließlich mit Kalk- oder Lehmputz fertig stellen. © Alexander Fenzke

Ein Essplatz zum Verweilen ist hier entstanden.

Ein Essplatz zum Verweilen ist hier entstanden. © Alexander Fenzke

Im dritten Teil meiner Artikelreihe möchte ich funktionelle, ausgereifte und den Bestand schonende Varianten der Instandsetzung, der Modernisierung und der energetischen Aufwertung aufzeigen und den üblichen, angepriesenen Dämmvarianten gegenüberstellen. Diese werden, in verschiedenen Formen, je nach Anspruch und den vorhandenen Gegebenheiten angepasst, seit Jahren von uns eingesetzt und ausgeführt, die Resonanz der Bewohner hinsichtlich des Raumklimas und der Wohlfühl-Atmosphäre sind durchweg positiv. Unkenrufe bezüglich des Mehraufwandes bei der Herstellung möchte ich vorab schon mit meiner Berufsbezeichnung kontern, ich bin HANDWERKER und das darf und soll man auch sehen, die Ergebnisse sprechen hier für sich selbst.
Die Nutzung solcher Objekte ist aber keineswegs eingeschränkt durch den Einsatz der Natur-Baustoffe; entgegengesetzt der landläufigen Meinung, diese würden dem modernen Leben nicht standhalten.

Modern und doch natürlich

Gerade beim Umbau und der energetischen Umnutzung alter Gebäude macht der Einsatz dieser Naturbaustoffe Sinn, schonen diese doch, zum Beispiel im Fachwerkbau und dem Einsatz von Innendämmungen, die Substanz vor auftretenden Schäden, verursacht durch den bei Dämmarbeiten immer in oder an der Konstruktion entstehenden Taupunkt.

Vielleicht sollte diese physikalische Eigenschaft hier noch einmal kurz erwähnt werden:  
Ohne die Angelegenheit dramatisieren zu wollen, stellt aber gerade dieser Punkt den Großteil der heute in Wohnräumen vorgefundenen, oft hausgemachten Schäden dar. Themen wie Schimmelsanierung, Feuchteschäden an der Konstruktion, „mieses“ Raumklima, etc. lassen sich oft mit dem Taupunkt in Zusammenhang bringen und stehen heute an der Spitze der Bautätigkeiten. Dies liegt an der Baukonstruktion und den dort eingesetzten Baustoffen:        
Eine Wand (oder Decke, Dach, etc.) stellt den Schutz der Bewohner vor dem Außenklima dar (Bauen ist der Kampf des Menschen gegen das Wasser). Sie hat die Funktion, Wind, Niederschlag, Kälte und Hitze draußen zu lassen, weiterhin soll sie vor lästigen Eindringlingen schützen und dabei noch Lärm- und Schallschutz bieten (sowohl von außen nach innen als auch umgekehrt, man will doch seine Privatsphäre).

Wird ein Wohngebäude durch Dämm-Maßnahmen, sei es von außen oder von innen (was bei historischen Gebäuden mit schöner, erhaltenswerter Außenfassade eher der Fall ist) in seinem Wandaufbau verändert, sollten die physikalischen Parameter beachtet werden. Hier ändern sich diese nämlich grundlegend, was auch die dann plötzlich auftretenden Umstände erklärt.
Jeder kennt das Phänomen, das kurz nach dem Austausch der alten, einfach verglasten Fenster durch neue Isolierglasfenster an den Laibungen Schimmel auftritt. Zum einen liegt das daran, das die alten Fenster nicht zugluftdicht waren, was einen ständigen Luftwechsel in diesem Bereich zur Folge hatte (moderne Fenster sind dagegen meist dicht); zum anderen liegt es eben an der Taupunkt-Verschiebung, plötzlich ist das schwächste Glied in der Kette nicht mehr das Fenster (Eisblumeneffekt im Winter), sondern die alte, noch ungedämmte Wand selbst. Dass die Wand an dieser Stelle wegen der Fenster in der Wandstärke geschwächt ist (meist liegen die Fenster außen oder mittig in der Wand), sorgt dafür, dass die Temperatur an der Stelle der Fensternische am kältesten ist, was die Entstehung von Taufeuchte in diesem Bereich erklärt. Bieten diese nun dauerfeuchten Laibungen Nahrungsgrundlagen für den Schimmelpilz (meist sind diese mit Tapeten oder Dispersionshaltigen Anstrichen oder Putz versehen), kann dieser hier gedeihen.

Die ersten Bilder zeigen, dass sowohl die Tapete als auch der darunter liegende Gipsputz mit Schimmel durchsetzt sind, Folgen an einer ungedämmten Massivwand aus Bruchstein nach Fensteraustausch und  falscher Nutzung durch die Bewohner (nicht ausreichende Raumbelüftung). Doch auch an Hauseingangstüren findet sich dieses Problem: 
Wand und Deckenanschluss sind hier massiv geschädigt! (Haustür Schimmel)
Der Tenor der Betroffenen lautet hier einhellig: Früher war hier nie ein Problem…
Doch hier sind wir auch schon an der Quelle der physikalischen Betrachtung: Wird nur ein Bindeglied aus der Reihe des Bausystems „Haus“ verbessert (und dann womöglich noch um mehrere Klassen / Dämmwerte besser), verstärken und verändern sich die Eigenschaften der umgebenden Bauteile um so mehr.

Hier gibt es nur zwei Varianten, dem entgegenzuwirken: Entweder alles (dämmen) oder nichts (was hier auch mit weniger Dämmung betrachtet werden kann); entweder dicht oder durchlässig, aber niemals beides gleichzeitig. Deshalb gehen sogenannte „Schnellschüsse“ einzeln durchgeführter Baumaßnahmen gerne nach hinten los. Dennoch zeigt die Praxis, dass man, zugunsten der Bauwirtschaft, entweder nicht in der Lage ist, dazu zu lernen oder es einfach nicht will. Es sind einfachste Überlegungen, welche auch ohne große Rechen-Modelle verständlich sind, dennoch sind Anfragen zu Schäden wie oben gezeigt an der Tagesordnung bei uns.

Das Gleiche sollte bei der Betrachtung von Dämmungen von Außenwänden und Dächern angewendet werden. Da wir aber der Meinung sind, dass dichte Wohnräume ungesund und im Altbau fast nicht ausführbar sind (es sind die vielen Anschluss-Punkte, die es so schwierig und aufwändig machen), ist unser Weg die Kombination aus Funktionsschichten und den dazu geeigneten Baustoffen. Die Eigenschaften unserer Baustoffe habe ich im letzten Teil schon erklärt, es sind hier vor allem die Feuchte-Transporte dieser, welche bei der Erstellung von Dämmaufbauten genutzt und eingerechnet werden. Weiterhin spielt der „Selbstschutz“, wie  z.B. die antiseptische Wirkung von Kalk und Silikat-Baustoffen eine Rolle beim Einsatz dieser Baustoffe. Die Nebenwirkung ist die Öko-Bilanz, welche mit deren Einsatz verbunden ist. Baustoffe mit niedrigem Primärenergieaufwand bei energetischen Maßnahmen einzusetzen, macht eindeutig Sinn!

Wichtig bei dieser Form der Ausführung ist die Herstellung homogener, also luftschichtenfreier Aufbauten an den Außenwänden, um überhaupt die Abführung entstehender Feuchte zu ermöglichen. In unserem Fall handelte es sich meist um eine Holzweichfaserdämmplatte (Dämmschicht und thermische Entkopplung), welche in einem Lehmputzbett (3cm stark, erste Funktionsschicht – Feuchtepuffer Taupunkt) auf die Außenwand aufgebracht wurde. Darauf erfolgte die Montage der Wandheizung, welche ebenfalls in Lehmputz eingebettet, die zweite Funktionsschicht darstellte. Damit wird raumseitig die Luftfeuchte vom Lehm  gepuffert und durch die temperierte Fläche Taupunktfallen der Wärmebrücken (z.B. durchgehende Bauteile wie Deckenbalken, welche die Dämmschicht durchdringen) reduziert. Als Oberflächen wurden verschiedenste Lehm- und Kalkputztechniken ausgeführt, so dass immer ein durchgehend offener Wandaufbau vorhanden ist.

Auch Dachaufbauten können entgegengesetzt der Meinung „alles muss dicht sein“ in gleichem Maß ausgeführt werden. Aber Vorsicht: auch hier zählt: entweder ganz dicht oder gar nicht. Da es aber gerade im Bestand sehr schwer ist, eine historische, aufwändig handwerklich erstellte, mit vielen Knotenpunkten und Anschlüssen versehene Dachkonstruktion an allen Punkten gleichsam dicht herzustellen, ist es schwierig, dies zu erreichen. Auch hier suchen wir den Kompromiss und verwenden zum einen nur Baustoffe, die Fehlertolerant (hinsichtlich der Feuchtetransporte) sind und versuchen, bekannte Anschlusspunkte sinnvoll und ausführbar zu lösen. Da dies aber bei jedem Objekt unterschiedlich ist, müssen diese vorab genau geprüft werden, bevor die Maßnahme geplant wird. Weiterhin sollten die Aufbauten den vorhandenen Gegebenheiten und Nutzungsplänen der Bewohner (soll oder muss Wohnraum geschaffen werden?) angepasst werden, um die Dämmung zu planen. So ist in einem kleinen Dachgeschoss der Wunsch nach mehr Platz wichtig; bei genügend vorhandenem Platz aber auch eine Unterdach-Konstruktion ausführbar.

1. Unterdämmung (siehe Fotos rechts)

- Verstärkung der bestehenden Sparren zur Aufnahme der Dämmschicht, die Sparrenebene wurde als Lüftungsebene, ca. 12cm tief, ungedämmt belassen
- Windbremsschicht und erste Dämmlage 22mm Holzweichfaserdämmplatte
- Konterlattung zur Herstellung des Dämmraumes, 100mm Thermohanf-Matte
- Innenseitig 60mm starke Putzträger-Dämmplatte Holzweichfaser

Ergebnis:ein wunderschöner Wohnraum, folienfrei und behaglich. Die Funktion wird über in die Dämmebene eingelassene Sensoren überwacht.

In Teil 2 meiner Artikelreihe habe ich dazu auch verschiedene Bilder, z.B. der modernen Nutzung in Bad und WC gezeigt (Kalk-Stuccoflächen). Das sich darunter aber moderne Technik (z.B. Wandheizung) und eine Dämmung verbirgt, ist dabei nicht sichtbar.

2. Zwischendachdämmung: offene Dacheindeckung mit Zellulose

Zwischen die Sparren wird mit einer mind. 3cm starken Luftschicht zur Außenhaut die Holzweichfaserplatte als Abtrennung des Dämmraumes zum Auslasen der Zellulose sowie als Windbremse und Diffussionsebene eingebracht (erste Funktionsschicht). Die Sparren werden auf das nötige Dämm-Maß aufgedoppelt und verstärkt (hier: ges. 20cm Dämmstärke) und darunter eine OSB-Platte (für englisch: oriented strand (bzw. structural) board – Platte aus ausgerichteten Spänen), also eine Holzwerkstoffplatte, aufgebracht. Hier verwenden wir natürlich ausschließlich Formaldehyd freie Platten. Diese Platten dienen hier als Dampfsperre von innen und ersetzen die „Folie“ in unserer Konstruktion, weiterhin lassen sie uns die freie Gestaltung der Innenraumfläche, es können sowohl Trockenbau, als auch Putzvarianten ausgeführt werden, dies wäre bei einer Folie/ Dampfsperrbahn nicht möglich (zweite Funktionsschicht). Danach werden die so hergestellten Zwischenräume mit Cellulose, einem losen Recyclingmaterial aus alten Papierresten, z.B. Zeitungen, ausgeblasen, wobei das Material in zuvor hergestellte Öffnungen mit einem Schlauch hohlraumfrei eingebracht wird. Der Vorteil der Cellulose liegt auf der Hand: Er kann sich fugenlos um jeden Anschlusspunkt schmiegen und schließt auch komplizierte Ecken ohne Zuschnitt.

Bei einer verputzten Variante wird unterseitig auf die OSB-Platten eine Schilfrohrmatte als Putzträger montiert. Auch hier ist es möglich, diese Flächen mit einer Wandflächenheizung auszustatten. Danach werden die Flächen mit Kalk- oder Lehmputz fertig gestellt.

Im letzten Teil dieser Reihe (Teil 4) werden weitere Dämmvarianten aufgezeigt und vorgestellt, z.B. ökologische Dämmsysteme für Außenwände.

Bereits veröffentlicht:

Teil 1 (Einleitung, frei lesbar)

Teil 2

Text: Alexander Fenzke, Restaurator im Maurerhandwerk, Bad Marienberg, www.denk-mal-fachwerk.de

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