...  Architektur
Georg Wickop – Architekt und Professor der TH Darmstadt >
< Handwerker für die Denkmalpflege
18.02.2013 22:50 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Architektur

Das Mainzer Rathaus, ein Gesamtkunstwerk


Das Rathaus der Landeshauptstadt Mainz wurde von Arne Jacobsen und Otto Weitling im Jahr 1966/1970 entworfen und von 1970 bis 1974 gebaut. © Landeshauptstadt Mainz

Das Rathaus der Landeshauptstadt Mainz wurde von Arne Jacobsen und Otto Weitling im Jahr 1966/1970 entworfen und von 1970 bis 1974 gebaut. © Landeshauptstadt Mainz

Der Ratssaal des Mainzer Rathauses zählt zu den schönsten Deutschlands. © Landeshauptstadt Mainz

Der Ratssaal des Mainzer Rathauses zählt zu den schönsten Deutschlands. © Landeshauptstadt Mainz

Ein städtebauliches Juwel muss sich nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Wahrnehmungen können begeistert aber auch ablehnend ausfallen. Sobald jedoch der zweite Blick darauf ruht, sollte jeder Diskussion über einen Abriss, ja selbst über einen Umbau Einhalt geboten werden. Das Rathaus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz steht derzeit im Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Der Architekt, Arne Jacobsen (1902 - 1971), in Kopenhagen geboren, wird dem modernen Funktionalismus zugeordnet. Unter dem Einfluss von Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier und des Bauhauses entstand eine Architektur, die sich durch klare Geometrie und Materialien auszeichnet. Jacobsen war international tätig. Seine Handschrift trägt in Deutschland nicht nur das Bauwerk am Rhein, sondern auch die Firmenzentrale Novo Nordisk in Mainz, das Gymnasium Christianeum und das Gebäude der Vattenfall Europe Hamburg AG in Hamburg, die Mustersiedlung Südliches Hansaviertel in Berlin sowie weitere realisierte Entwürfe in Hannover, Castrop Rauxel und auf Fehmarn. Sein Schaffen setzte er auch in weiteren kreativen Bereichen um – seine Design-Objekte sind geprägt von prägnanter und klarer Gestalt. Bekannt sind seine Sitzmöbel, Lampen, Bestecke und Armaturen, die nicht nur zu ihrer Entstehungszeit „en vogue“ waren, sondern auch heute noch stark nachgefragt sind. Jacobsen prägte Gebäude und Industrieprodukte des 20. Jahrhunderts und hinterließ damit ein Lebenswerk, das ihm einen herausragenden Rang in der internationalen Architekturgeschichte sichert.  

Arne Jacobsen (1902 - 1971) seine Architektur und sein Design zeichnen sich durch klare Geometrie und Materialien aus. © VOLA a/sNun muss das Mainzer Rathaus, das 1966 von Jacobsen entworfen und bis 1974, nach seinem Tod 1971 durch seine Mitarbeiter Hans Dissing und Otto Weitling, fertiggestellt wurde, saniert werden. So ist zum Beispiel die Haustechnik, etwa die Klimaanlage, veraltet. Die Fassade wurde von Witterungseinflüssen angegriffen. Energetisch sind Neuerungen erforderlich. Darüber hinaus wünscht die Stadt Verbesserungen, die ihren Arbeitsabläufen innerhalb der Verwaltung zugute kämen.

Ein internationaler Wettbewerb generierte 1968 das Werk des dänischen Baumeisters und bescherte ihm den ersten Platz der Ausschreibung für den Rathausneubau. Vor sechs Jahren stellte die Stadt Mainz das Gebäude unter Denkmalschutz. Was ist das Besondere an dem Gebäude, das dem Betrachter so spröde entgegenkommt? 

Als städtebauliches Konzept ist der weite Rathausplatz, an dessen Südrand das Gebäude thront, strikt durchdacht. Platz und Rathaus dienen als Achse zwischen Rhein und Altstadt und lassen gar vom anderen Flussufer den Blick auf die Türme des Mainzer Doms fallen. 

Der alle drei Jahre vom BDA (Bund Deutscher Architekten) ausgelobte Preis für Architekturkritik zeichnete 2012 Roman Hollenstein aus, der seit 1990 bei der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) im Feuilleton für die Themen Architektur, Städtebau, Denkmalpflege und Design verantwortlich ist. Er schrieb am 4. Juli vergangenen Jahres in seinem Artikel „Demokratisches Monument – Das Mainzer Rathaus von Arne Jacobsen und Otto Weitling“ in der NZZ:

„(...) Ausgehend von einem durchdachten urbanistischen Konzept, interpretierten Jacobsen und Weitling den weiten Rathausplatz als städtische Bühne, die sich gleichermaßen zum Rhein wie zur Altstadt hin öffnet. Um eine ebene Fußgängerverbindung bis hin zum Dom zu gewähren, erhöhten sie den Platz am Strom und banden ihn mit einer über die tiefer liegende Rheinstraße führenden Brücke fest ans Zentrum an. Der dazu nötige massive Sockel unter dem Platz wurde schließlich – ganz im Sinne der autogerechten Stadt – zur zentralen Parkgarage ausgebaut.

Um die Sicht auf den Rhein und auf die Türme des Doms freizuhalten, rückten die Architekten das Rathaus ganz an den Südrand des Platzes und ließen es stadtseitig spitz zulaufen. Der dreiecksförmig um einen Innenhof angeordnete Verwaltungsbau fasst das über einem Trapez errichtete und auf den Rhein hin ausgerichtete Volumen des Plenarsaals wie einen Diamanten. In ihrer klassizistischen Klarheit und Strenge erinnert die der repräsentativen Platzanlage zugewandte Eingangsfassade an Jacobsens Reichsbank in Kopenhagen. Aus den schmalen, vertikalen Wandstreifen der Bank sind beim Rathaus jedoch dreieckig vorstehende, mit norwegischem Kalkstein verkleidete Wandelemente geworden – ins Expressive gesteigert durch Sonnenblenden aus dunkelbraun eloxierten Aluminiumgittern, welche die hohen Fensterflächen verschatten. Im Innern ist das Gebäude, wie bei Jacobsen üblich, vom Möbeldesign bis hin zur handwerklich perfekten Raumgestaltung als Gesamtkunstwerk konzipiert, das seine nobelste Ausformung im Dreieck, Quadrat, Trapez und Kreis vereinenden Plenarsaal findet. (...)

(Quelle: www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/kunst_architektur/das-mainzer-rathaus-von-arne-jacobsen-und-otto-weitling-1.17314704)

Öffentlichkeitsarbeit

Die anstehende Sanierung des Gebäudes ließ die Stadt Mainz eine Machbarkeitsstudie bei DISSING+WEITLING architecture (Kopenhagen), dem Architekturbüro, das Jacobsens Nachfolge angetreten war, anfordern. Politisch und gesellschaftlich kam eine Diskussion ins Rollen, die sogar soweit ging, den Erhalt des Rathauses in Frage zu stellen, Parteien stritten, ohne den Gegenstand ihrer Debatten und seinen Wert im Auge zu behalten. Dies nahm der BDA zum Anlass, mit einem Appell für den Erhalt und die sorgfältige Instandsetzung des Rathauses in die Öffentlichkeit zu treten. 

In dem Beschluss des 8. BDA-Tages in Mainz am 16. Juni 2012 formulierte der Bund:

„ (...) Städtebauliches Konzept, Architektur, Raumgestaltung, Möbeldesign und Kunst bilden eine auf die Funktion des Gebäudes abgestimmte Einheit, die dem Rathaus den Charakter eines Gesamtkunstwerkes verleiht.

Naturgemäß stehen nach einem Nutzungszeitraum von fast 40 Jahren Sanierungsarbeiten an. Der BDA appelliert an die Stadt Mainz, das Rathaus als besonders wichtiges kulturelles Erbe zu verstehen und die anstehende Sanierung unter folgende Prämissen zu stellen:

- Die Bewahrung der städtebaulich und architektonisch herausragenden Qualität des unter Denkmalschutz stehenden Rathauses ist das wichtigste Kriterium bei der Instandsetzung.

- Damit die Stadt Mainz ihrer Verantwortung als öffentlicher Bauherr und ihrer Vorbildfunktion gerecht wird, begleitet sie das Projekt mit allergrößter Sorgfalt und stattet es mit angemessenen finanziellen Mitteln aus." 

Seitdem konnten zahlreiche öffentliche Diskussionen und Veranstaltungen den Blick der Bürgerinnen und Bürger auf den Wert des unter Denkmalschutz stehenden Teils des städtebaulichen Ensembles – Rathaus, Rathausgarage und Brückenturm – richten. Ziel dieses „öffentlich Machens“ ist die Möglichkeit, ein Gespür dafür zu entwickeln, welchen Stellenwert kulturelles Erbe für kommende Generationen einnimmt. Auch der Mainzer Dom war schon einmal zum Abriss freigegeben, als er 1793 während der Belagerung von Mainz so stark beschädigt wurde, dass er zum Magazin degradiert wurde. Gebäude werden von verschiedenen Generationen oder Epochen unterschiedlich bewertet. Deshalb gilt es, kulturelles Gut für die nächsten Generationen zu erhalten. Für die 60er Jahre war der Bau von Jacobsen und Weitling ein überaus fortschrittliches Gebäude, das zu einem Symbol des modernen Mainz wurde. Man betrachte es nur im Vergleich zu anderen Rathausneubauten jener Epoche, in denen wie z.B. in Kaiserslautern, Offenbach, Erlangen, Frankfurt, Bonn, Ludwigshafen oder Essen die Hochhausdominante vorherrschte.

Die nächsten Veranstaltungen zur Zukunft und zum Verständnis des Mainzer Rathauses finden statt am:

- Mittwoch, 20. Februar 2013, 18 Uhr, Ratssaal des Mainzer Rathauses, „Schandfleck oder Architekturdenkmal?, Das Mainzer Rathaus in der Diskussion

- Freitag, 15. März 2013, 18 Uhr, Rathaus Mainz, Ratssaal.

Text: Sonja Lehnert

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