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11.02.2011 16:28 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Architektur

CO2-neutrale Möbel aus Hessen


Birkenwald

© PdM

Kiefer

© IDgS

Für Tische, Stühle, Regale, Betten, Schränke, Gartenmöbel, aber auch Fenster, Türen, Treppen, für alles, was von einer Tischlerei oder Schreinerei angefertigt wird, gibt es jetzt eine individuelle Produktzertifizierung in Bezug auf die Klimaneutralität. Eine Software berechnet vom Fällen des Baumes, vom Energieverbrauch der Werkstatt bis hin zur Möbelauslieferung einschließlich der voraussichtlichen Lebensdauer die Emission des Möbelstücks.

Das Holz selber weist immer eine negative CO2-Bilanz auf, denn es speichert mehr CO2 als es an Emission abgibt. Das gilt auch für Sperrholz-,  Pressspan- oder andere Holzplatten. Anders sieht es bei den Materialien für die Holzbearbeitung und zusätzlich benötigten Produkten wie Alu-Rahmen, Schubladenführungen, Griffen oder Scharnieren aus. „Der Herstellungsprozess von Aluminium setzt beispielsweise mehr CO2 frei als Stahl“, differenziert Christina Schlingmann. Sie und ihr Mann haben eine Schreinerei in Ober-Kinzig und gehören zu den fünf Pilotbetrieben, die die neue Software seit Januar dieses Jahres in der Praxis testen. Die Kundinnen und Kunden erhalten mit ihrem Möbel eine genaue Dokumentation, aus der hervorgeht, welche Materialien verwendet wurden und wie viel Emission frei gesetzt wurde.

In der Aufstellung enthalten sind zudem die Emissionswerte des Tischlereibetriebes. Ob er mit Öl oder Holz heizt, macht einen großen Unterschied. Heizen mit Holz belastet laut Angabe von Hessen Forst die Atmosphäre nur mit einem Bruchteil (1/15) des von Ölheizungen freigesetzten CO2. Welche Maschinen für den Bau eines Möbels wie lange eingesetzt werden, sind ebenfalls hinterlegte und individuell eingegebene Werte, die die Software verarbeitet. Zudem spielen die Transportwege eine Rolle. Massentransporte aus Übersee würden dem einzelnen Möbelstück  günstige Werte bescheinigen, wenn das betreffende Möbel dann wiederum nicht quer durch das ganze Land gefahren wird. Ob ein regionales Holz den Weg in die Tischlerei antritt oder einen weiteren Weg zurücklegt und wohin das Möbel schließlich ausgeliefert wird, schlägt also ebenfalls zu Buche.  

Die „UmweltTischler“ http://www.umwelttischler.de, eine Gruppe im Landesfachverband der hessischen Tischler, initiierten das Projekt „möbelCO2neutral“. Umgesetzt wird es vom Deutschen Institut für umweltgerechte Produktion und gesundes Wohnklima GmbH (DIUG) in Kooperation mit PE INTERNATIONAL als Anbieter von Lösungen für CO2-Bilanzierung und Dokumentation.

Mit dem Ausrechnen des CO2-Verbrauchs werde vor allem ein Bewusstsein über die Herkunft, Herstellungs- und Transportbedingungen eines Möbels bei den Kundinnen und Kunden geschaffen, so DIUG-Geschäftsführer Dr. Hubert Krischer. Neben dem Umweltaspekt spielt die Stärkung des regionalen Handwerks eine große Rolle. Besonders jüngere Generationen kommen gar nicht mehr auf die Idee, eine Tischlerin oder einen Tischler im Ort mit der Anfertigung eines Möbelstücks zu beauftragen und gehen ausschließlich in die großen Möbelhäuser. Dafür nehmen potentielle Käuferinnen und Käufer mitunter längere und mehrfache Anfahrtswege in Kauf.

Letztlich rechne sich die Handwerkerqualität, für Kundinnen und Kunden ebenso wie für die Umwelt, ist Tischler Eidam aus Lohra überzeugt. Auch seine Werkstatt nimmt am Pilotprojekt teil. „Wir sind keine altmodischen Handwerker“, so Matthias Eidam. Sein Betrieb gehört wie der Schlingmannsche zu den „UmweltTischlern“, die sich stets darum bemühen, auf neuestem fachlichen Niveau unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten zu gestalten und zu produzieren. Die Lebensdauer eines individuellen Möbels sei in der Regel länger als die eines Möbels „von der Stange“. Die Hölzer, die der Tischlerbetrieb Eidam verarbeitet, stammen fast ausschließlich aus regionaler Forstwirtschaft. Kurze Wege vom Wald bis zur Werkstatt tun der CO2-Bilanz gut. Die natur- und umweltbewußt arbeitenden Tischlereien fertigen ohnehin Möbel, die für ein gutes Wohnklima sorgen und möglichst wenig die Umwelt belasten. Doch ganz ohne Kunststoffteil, Metall, Beschichtung oder andere Materialien kommt ein modernes Möbel in der Regel nicht zustande. „Uns geht es um Transparenz und mit dem neuen CO2-Rechner haben wir ein weiteres Instrument, unsere Kunden zu informieren“, so Christina Schlingmann.

Hessische Tischlereien können die Software für die Klima-Kalkulation von der DIUG GmbH kaufen. Kundinnen und Kunden erwerben das Zertifikat für einen Aufpreis auf ihr eingekauftes Möbelstück bei den am Projekt beteiligten Tischlereien. Die Hälfte des Aufpreises geht an den Landesbetrieb Hessen-Forst, der damit Aufforstungsprojekte finanziert, die ohne dieses Geld nicht zustande kämen. Damit wird das eingekaufte Möbel klimaneutral gestellt.

Weil Möbel insgesamt, anders als beispielsweise Autos, nicht zu den großen CO2- Produzentinnen gehören, ist der Aufpreis für ein Möbelstück relativ gering. Für 10 Kilogramm CO2 bezahlen KundInnen 1 Euro. „Eine Schrankwand, die zwei auf drei Meter misst, setzt ungefähr 200 bis 300 Kilogramm CO2 frei“, fasst Christina Schlingmann zusammen. 20 bis 30 Euro Aufpreis kämen also auf dieses große, hochwertige und langlebige Möbelstück. Zertifikats-BesitzerInnen können sich an Hessen-Forst http://www.hessen-forst.de oder die DIUG GmbH http://www.diug.org  wenden und dort erfahren, für welches hessische Waldstück sie einen Beitrag geleistet haben.   

„Die Nutzung von Holz aus multifunktionaler Forstwirtschaft erspart der Atmosphäre allein jährlich im hessischen Staatswald rund 1,5 Millionen Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases CO2. Damit werden volkswirtschaftliche Folgekosten in Millionenhöhe vermieden“, so Michael Gerst, Leiter des Landesbetriebs Hessen-Forst in einer Pressemitteilung. Eine naheliegende Möglichkeit sei daher die Aufforstung, wie sie in dem gemeinsamen Projekt mit der Deutschen Gesellschaft für umweltgerechte Produktion und gesundes Wohnklima GmbH (DIUG) umgesetzt werde.

Auch Fachverbänder anderer Bundesländer, beispielsweise Rheinland-Pfalz, sind Partner des „grünen Kompetenzzentrums“ DIUG GmbH, das die umweltgerechte und nachhaltige Produktion im Tischlerhandwerk fördert.

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Vom 17. bis 20. Februar findet in Gießen die 17. BAUexpo statt. Auch die DIUG GmbH wird mit einem Stand vertreten sein und den CO2-Rechner sowie die Vorteile für Kundinnen und Kunden erläutern.  Bauinteressierte finden regionale und überregionale AnbieterInnen für Bau und Umbau, vom Keller bis zum Dach, Sanierungs-, Restaurierungs- und Gestaltungstipps auch für Garage, Carport, Garten und Inneneinrichtungen. Hier sind direkte Preis-Leistungs-Vergleiche möglich und von der Finanzierung des eignen Bauvorhabens über die Planung bis hin zur Produktion und Montage kann man sich ausführlich über alles rund ums Bauen informieren.

In der Fachausstellung „Energie- regenerativ, effizient, zukunftsorientiert“ beraten Expertinnen und Experten über energiesparende Maßnahmen wie energieeffizienter Einsatz von Baumaterialien, Solartechnik, Dämmtechnik, Bioenergie, sparsame und umweltschonende Heiztechniken. http://bauexpo.messe-giessen.de

Text: Dörthe Krohn

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