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08.04.2011 16:57 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Architektur

Baustoffe und Umgang mit dem Bestand


Stampflehm als Badwand

Stampflehm als Badwand, © Alexander Fenzke

Stampflehm als Trennwand in einem Museum.

Stampflehm als Trennwand in einem Museum, © Alexander Fenzke

Kalk-Stuccoflächen Nassbereich als Fliesenersatz.

Kalk-Stuccoflächen im Nassbereich als Fliesenersatz, © Alexander Fenzke

Eine Innenwand aus Lehmbautrockenplatten sowie die Dachdämmung aus Holzweichfaser-Dämmplatten bilden hier den Untergrund für die aufgebrachte Wandheizung. Dieser Spiegel wird nicht beschlagen!

Eine Innenwand aus Lehmbautrockenplatten sowie die Dachdämmung aus Holzweichfaser-Dämmplatten bilden hier den Untergrund für die aufgebrachte Wandheizung. Dieser Spiegel wird nicht beschlagen! © Alexander Fenzke

Kalk-Stuccoflächen im WC.

Kalk-Stuccoflächen im WC. © Alexander Fenzke

Wandflächenheizung im Bestand.

Wandflächenheizung im Bestand, © Alexander Fenzke

Wandflächenheizung im Bestand, mit Lehm verputzt beim Trocknen.

Wandflächenheizung im Bestand, mit Lehm verputzt, beim Trocknen. © Alexander Fenzke

Gerade in der heutigen Zeit, wo das Bauen und Nutzen von Wohngebäuden immer mit dem Wink in Richtung energetischem Pflichtbewusstsein einhergeht, möchte ich das Augenmerk des zweiten Teils auf die Baustoffe und den Umgang mit der Bausubstanz richten, und dabei einige Beispiele für (oft gewollte) Missverständnisse unserer Zeit aufzeigen.

Bauen heute
Oft sind es Fehlinformationen und falsches Wissen sowie die oft gebrachten Argumente Zeit (geht schneller…) und Geld (ist billiger…), die bei einer Modernisierung alter Bausubstanz zu einem vorschnellen und oft unnötigen Ausbauen von historischen Baustoffen führen.

Weiterhin fördern Industrie gesteuerte Werbemaßnahmen und (deren) gesetzliche Forderungen wie die derzeit noch (bis nächstes Jahr) herrschende Energie-Einspar-Verordnung (ENEV 2009) diese Ausweide-Orgien im Altbau, was nur zum Verlust handwerklicher Zeugnisse unserer Vorfahren führt. Man sollte sich vor Augen halten, mit wie viel Kraft und Mühe, Schweiß und Bedacht solche Arbeiten früher ausgeführt wurden; eine Schande, wenn man dabei zusieht, wie lieblos und hirnfrei heute gebaut und renoviert wird. Handwerk ist heute nur noch ein Artikel im Regal. Aber schon Ludwig Mies van der Rohe (dt. Architekt der Bauhaus-Ära und Moderne) sagte zwei bedeutende Sätze: Weniger ist mehr sowie  Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammen gesetzt werden.

Doch wo bitte ist heute diese Architektur zu finden?
Auch aus energetischer Sicht sind heute einige Punkte zu hinterfragen:
Alleine der Energieaufwand für die Zerstörung und Entsorgung (intakter) Bausubstanz ist, auch ohne die dann nötige Einbringung neuer Baustoffe, wesentlich höher als der Erhalt des Bestandes und deren Ergänzung zur modernen Nutzung.

Stellt man diesem Gedanken noch den Primärenergie-Gewinn der historischen Baustoffe dem der moderner, industriell hergestellter Baustoffe entgegen, wird schnell klar, dass Abriss und Ausbau durch Belassen und Ergänzen zu wesentlich besseren energetischen Einsparungen führen. Auch die Tatsache, dass so manches Gebäude mehrere hundert Jahre alt ist, stellt die Frage nach dem Sinn unseres heutigen Einsatzes zur Verbesserung. Dennoch suggerieren uns das Allgemeindenken und die Werbung etwas anderes!

Als Paradebeispiel dafür möchte ich den Umgang mit historischen Balkendecken nennen:

Oft sind es diese, die als erstes ausgebaut und geleert werden (Motto: raus mit dem alten Dreck!) und für teures Geld auf die Deponie geschafft werden, obgleich diese mit ihrer Strohlehmfüllung ALLE heutigen bauphysikalischen Anforderungen erfüllen oder gar  die modernen, aufwändig mit Sondermüll und viel Metall (mit hohem Energiebedarf, z.B. Aluprofile) erstellte Konstruktionen übertreffen!

Bauphysikalische Anforderungen im Wohnraum:

Brandschutz: Eine Stackenlehm-Decke mit Lehmschlag und dreiseitig freiliegenden Holzbalken erfüllt schon F30! Dazu bedarf es keine Gipskartonplatten.

Feuchteschutz: Solche lehmgefüllte Decken nehmen Feuchte-Überschüsse aus der Raumluft auf und geben diese Feuchte zeitversetzt bei einer Absenkung der RLF (Relative Luftfeuchte) wieder ab. Dies erreicht eine Gips-kartonplatte, womöglich mit Gummifarbe beschichtet, nicht!

Schallschutz: Auch hier ist eine massive Deckenfüllung mit Lehm klar im Vorteil gegenüber einer „Trommel“ mit Trockenbau-Hohlräumen.

Wärmeschutz: Auch wärmedämmtechnisch sind diese, durch ihre Masse als Wärmespeicher geeignet; diese Speicherwirkung massiver Baustoffe wird dennoch gerne bei modernen Berechnungen übersehen.

Weiterhin wird gerne vergessen, dass durch den Ausbau der Deckenfüllungen erhebliche Dynamik in die Gebäude gebracht wird, welche später zu Rissen führen kann, denn die Deckenbalken „entspannen“ sich nach der Gewichtsreduzierung langsam und über lange Zeit.
Übertragen lässt sich diese Aufstellung natürlich auch auf eine Fachwerkwand, auch hier gelten die gleichen Parameter hinsichtlich der Bauphysik und deren Vorteile.

Mit materialgleichen Aufbauten können diese Vorteile einfach und effizient verbessert und unserer heutigen Nutzung angepasst werden. So kann zum Beispiel der Brandschutz mit einem Lehmverputz über den Balken oder durch Verkleiden der Decke mit trockenen, vorgefertigten Lehmbauplatten wesentlich erhöht werden (bis F90 machbar).

Auch den Wärmeschutz kann man mit einfachen, materialkompatiblen Aufbauten erhöhen, kombiniert man dies mit sinnvoller Anlagentechnik und dem Einsatz moderner Heiztechnik, z.B. mit einer Wandflächenheizung, wird nicht nur die Behaglichkeit solcher Räume wesentlich verbessert sondern die Substanz geschützt und erhalten.

Dennoch muss der Eigentümer / Bewohner beim Einsatz „alter Baustoffe“ nicht museale Wohnräume nutzen, ganz im Gegenteil ist es heute möglich, mit Kalk und Lehm sowie mit historischen und modernen Handwerkstechniken moderne, schöne, gesunde und sinnvolle Wohnräume zu erstellen. Selbst Trockenbau-Verliebte Nutzer und Architekten können mit Trockenbauelementen aus Lehm gerade, glatte und kantige Oberflächen erstellt bekommen, wenn sie das möchten – und dies ohne später im Sondermüll leben zu müssen.

Beispielhaft dafür sind auch Wandflächen aus Tadelakt und in Stucco-Technik, beides Kalktechniken, welche durch ihre Verarbeitung und deren Zutaten (z.B. Seife und Wachs) wasserfeste Oberflächen erhalten, die sowohl im Badezimmer als auch in Küchen als abwaschbare Wandflächen eingesetzt werden können. Durch ihre hochverdichtete Oberfläche und die materialeigene Tiefenwirkung gleichen diese Oberflächen poliertem Naturstein oder Marmor.

Auch das Thema Kunst und hochwertige Einrichtungen lassen sich mit natürlichen Baustoffen umsetzen, so werden heute gerne Stampflehmwände als Akzent (auch mit Nebenwirkung, z.B. mit eingebauter Heizfläche) von Architekten auch in moderne Wohnhäuser eingesetzt.

Grundsätzlich gibt der Nutzer dem Verarbeitenden vor, wie die Räume später aussehen sollen. Mit etwas Überzeugung ist es aber fast immer möglich, diese Baustoffe auch dort einsetzen zu können, wo sie ursprünglich nicht vorgesehen waren. Argumente wie Behaglichkeit, Sauberkeit (Kalk wurde schon immer als Hygiene-Baustoff, weil antiseptisch und schimmel-widrig z.B. in alten Ställen eingesetzt) sowie deren Anmut erleichtern es, Naturbaustoffe heute wieder in die Wohnräume zu bringen. Diese Eigenschaften können moderne, meist kunststoffhaltige Baustoffe wenn überhaupt nur durch chemische Hilfsmittel leisten.

Doch dabei ist der unbedarfte Umgang, teils wissentlich, teils aus fehlender Erfahrung mit noch unausgereiften Baustoffen wie z.B. den heute schon oft als kritisch betrachteten Nano-Technologie-Baustoffen, nicht im Sinne der Nutzer und nachfolgenden Generationen hinsichtlich der Nutzbarkeit und dem späteren Umgang mit diesen. So wurden früher auch asbesthaltige Baustoffe an den Mann gebracht.

Auch das Beispiel der Aroma freien Lösemittel in Farben und Lacken kann als problematisch angesehen werden, werden doch Schutzmechanismen des Körpers übergangen, nur um Chemie in die Häuser einzubringen, alles mit dem Argument der Wirtschaftlichkeit und der Effizient. Kunststoffhaltige Baustoffe in allen Variationen sowie deren Weichmacher sorgen heute für die höchste Allergiker-Rate aller Zeiten, vor allem bei Kleinkindern.

Hätten unsere Großeltern, wie heute fast jeder, an Heuschnupfen gelitten, wäre Deutschland nicht zu einer Wirtschaftsmacht herangewachsen!

Im nächsten Teil werden anhand von verschiedenen, ausgereiften Konstruktionen die Möglichkeiten der energetischen Aufwertung historischer Bausubstanz aus unserer Praxis aufgezeigt und erläutert.

Einführungsartikel zur Reihe:

Energetische Optimierung historischer Baustubstanz

Text: Alexander Fenzke, Restaurator im Maurerhandwerk

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